Aktuelles

Pressemitteilung, 1. März 2010

46. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache

vom 9. bis zum 11. März im Mannheimer Rosengarten

Sprachliches Wissen zwischen Lexikon und Grammatik

Wer in der Schule, im Studium oder in der Freizeit versucht hat, eine Sprache zu lernen, weiß, dass eine Sprachbeschreibung aus zwei Teilen besteht, nämlich einem Wörterbuch und einer Grammatik. Im Wörterbuch sind alle Wörter mit ihrer Bedeutung und anderen Informationen aufgelistet, zum Beispiel, ob sie regelmäßig oder unregelmäßig flektiert werden. In der Grammatik stehen dagegen die Regeln, nach denen wir die Wörter zu "grammatischen" komplexen Ausdrücken kombinieren, zum Beispiel, dass im deutschen Nebensatz Subjekt, Objekt und Prädikat aufeinanderfolgen, wie in dem Nebensatz dass die Chefin den Plan akzeptierte.

Auch die Sprachtheorie geht traditionell von einer solchen Zweiteilung in Lexikon – wie das Gegenstück des Wörterbuchs in der Sprachtheorie heißt – und Grammatik aus. Nun weiß man allerdings schon länger, dass die Sprache sich nicht willenlos dieser Zweiteilung unterwirft. Ersetzen wir etwa das Verb akzeptieren in obigem Satz durch das bedeutungsähnliche einwilligen, so wird der Satz plötzlich ungrammatisch: dass die Chefin den Plan einwilligte. Das Verb einwilligen muss nämlich mit einem Präpositionalobjekt mit der Präposition in konstruiert werden: dass die Chefin in den Plan einwilligte. Das ist eine spezifische Eigenschaft des Wortes einwilligen, die aber beeinflusst, was grammatische Regeln so tun dürfen.

Ein anderes Problem entsteht, wenn wir diesen Satz in einen Hauptsatz verwandeln: Die Chefin willigte in den Plan ein. Während einwilligen zunächst als ein einzelnes Wort – und damit ein Bestandteil des Lexikons – erschien, stellt sich nun die Frage, ob wir es nicht eigentlich mit der Kombination von zwei Wörtern, ein und willigen, zu tun haben und damit eigentlich doch mit einem Phänomen der Grammatik [z.B. Vortrag Jacobs].

Mit der Etablierung neuer Methoden in der Linguistik haben sich die Fragen nach der Angemessenheit dieser sprachtheoretischen Zweiteilung noch verschärft. Vor allem die Verfügbarkeit gewaltiger Textmengen in elektronischer Form – sogenannter Textkorpora – und die Entwicklung von Methoden zu ihrer automatischen Analyse [z.B. Vortrag Stefanowitsch], aber auch neue Methoden der Sprecherbefragung und der Psycho- und Neurolinguistik [z.B. Vortrag Bornkessel-Schlesewsky & Schlesewsky] haben unseren Blick für weitere sprachliche Phänomene "zwischen Lexikon und Grammatik" geschärft.

Eines davon ist die große Menge sogenannter Kollokationen, das sind Mehrwortverbindungen als eine bestimmte konventionalisierte Ausdrucksweise der Sprache. So kann man etwa von blonden Haaren sprechen, nicht aber von blonden Pullovern, auch wenn sie die gleiche Farbe haben sollten. Kollokationen zeigen dazu eine große regionale Varianz. Während in Deutschland von wirksamen Maßnahmen die Rede ist, bevorzugt man in der Schweiz griffige Maßnahmen [z.B. Vortrag Heid]. Gleichzeitig beobachten wir, dass viele der vermeintlich festen Wortverbindungen von Sprechern kreativ umgestaltet werden. Wer denkt, dass man immer hellauf begeistert ist, wird überrascht sein, in manchen Textbelegen von Menschen zu hören, die hellauf zufrieden sind oder hellauf verliebt.

Einer weiteren zurzeit viel diskutierten Idee zufolge haben auch grammatische Muster Bedeutungen, und zwar auch solche, die wir normalerweise eher mit Wörtern verbinden. So wird angenommen, dass die dem Satz er gibt ihr einen Kuchen zugrundeliegende Bedeutung "jemand tut etwas, so dass jemand anderes etwas bekommt" so stark an das grammatische Muster Nominativ-Dativ-Akkusativ geknüpft ist, dass diese auch bei ganz anderen Verben, die dieses Muster umsetzen, durchschimmert, zum Beispiel in er backt ihr einen Kuchen.

Heißt das alles nun, dass wir uns von unserer traditionellen Vorstellung verabschieden müssen, dass eine Sprachbeschreibung ein Wörterbuch und eine Grammatik benötigt? Wir wollen – wie es in einem Satz aus den Zeitungskorpora des Instituts für Deutsche Sprache heißt – "das Reform-Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten". Aber wir werden uns an stärker integrierte Sprachbeschreibungen gewöhnen müssen, in denen Einheiten wie Wortverbindungen, bedeutungstragende grammatische Muster, Ausdrücke mit unklarem Wortstatus und vor allem die kreative Varianz hinter diesen Mustern eine stärkere Rolle spielen werden.

Zu der Tagung werden wieder über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 26 Ländern erwartet.

Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) ist die zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte. Das IDS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören zurzeit 86 Forschungsinstitute und Serviceeinrichtungen für die Forschung sowie drei assoziierte Mitglieder.

Näheres unter: http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Tagungsort:

Congress-Center Rosengarten Mannheim
Arnold-Schönberg-Saal
Rosengartenplatz 2
68161 Mannheim
Tel. vom 9. bis 11.3.: 0621/4106-5008