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BUCHNEUERSCHEINUNG – PRESSEMITTEILUNG

Digital und vernetzt – Das neue Bild der Sprache

Wie groß ist die Spannung zwischen heutiger Sprachverwendung und dem, was als sprachliches Ideal angesehen wird? Ist dieses sprachliche Ideal noch zeitgemäß? Dieser wissenschaftliche Essay beschreibt die Wirkmächtigkeit von Sprachauffassungen seit der Antike bis heute. In welcher Hinsicht fordern die  Digitalisierung und Vernetzung uns zu einem Wandel der Sprachauffassung heraus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die linguistische Forschung,  Sprachkultur, Fragen der Kulturförderung und bildungspolitische Maßnahmen?

Prof. Dr. Henning Lobin, seit kurzem Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, geht in seinem gerade erschienenen Buch von der Grunderfahrung vieler Menschen aus: Wenn wir heute twittern, Messenger-Dienste und Software wie „Siri“ verwenden oder Kommentare auf Nachrichtenportalen lesen, so sieht dies  zumeist ganz anders aus, als das, was wir in Büchern und Zeitungen zu lesen bekommen. Dies kann ein Gefühl der Spannung erzeugen, dem Henning Lobin in seinem Essay dadurch auf den Grund geht, dass er die Ausgangsfrage hinter diesen Erfahrungen neu stellt: Was ist eigentlich Sprache?

Der Schwerpunkt seines Buchs liegt auf dem aktuellen Wandel, der sich durch die Digitalisierung in der Wissenschaft vollzieht, und welche Konsequenzen dies für den Umgang mit Sprache in den Institutionen der Schriftkultur hat. In allgemein verständlicher Form werden zuvor die Wurzeln unserer bisherigen Sprachauffassung von der Antike über das Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Als Ergebnis dieser Entwicklung werden die Orientierung an einem „idealen“ Regelwerk der Grammatik, die Fokussierung auf reine Schriftlichkeit und die logische Rationalisierung von Sprache herausgestellt. Mit Bezug auf verschiedene Traditionen und große linguistische Strömungen des 20. Jahrhunderts wird die grundlegende These plausibilisiert, dass auch das scheinbar wissenschaftlich objektive Bild von Sprache, das lange Zeit vorherrschend war, kulturell überformt ist.

Danach wendet sich Henning Lobin dem „neuen Bild“ der Sprache zu, das durch Digitalisierung, Datenorientierung und die Nutzung des Computers als Sprachautomat, Schreib-/Lesewerkzeug und Schriftmedium entsteht. Aktuelle Arbeitweisen der Sprachwissenschaft, wie z.B. die statistische Analyse von riesigen Sprachdatensammlungen oder die Aufzeichnung von Blickbewegungen beim Lesen von Webseiten, unterstützen ein neues Bild von Sprache im Hinblick auf die folgenden drei Perspektiven und damit verbundenen Forschungsfragen: 1) Sammlung/Korpus: Zu welchen neuen Erkenntnissen gelangt man darüber, wie Menschen reden und schreiben, wenn man große Text- und Gesprächssammlungen und das Internet als neue Datenquelle zugrunde legt? 2.) Fläche/Raum: Wie greifen Sprache und andere Zeichenressourcen ineinander, um gemeinsam eine Bedeutung zu erzeugen, z.B. wenn man die grafisch-bildliche Gestaltung auf Webseiten analysiert? 3.) Gewebe: Durch neue Möglichkeiten der vollständigen Erfassung von miteinander verwobenen Kommunikationsakten können die unterschiedlichen Arten, wie Texte und Menschen in Netzen verwoben sind, differenzierter erforscht werden. Was können wir z.B. aus dem Netzwerk von Menschen in Facebook über die Dynamik von Sprache erfahren oder aus Wikipedia bezüglich der Architektur unserer Begriffswelt ableiten?

Diese drei Perspektiven werden in drei einzelnen Kapiteln behandelt und mit neuesten Entwicklungen hinterlegt, bevor in einem abschließenden Kapitel das neue Bild der Sprache als Ganzes beleuchtet wird und dessen Konsequenzen für das kulturelle und gesellschaftliche Bild von Sprache erläutert werden. Insofern soll mit der Skizzierung eines neuen Bildes der Sprache auch eine Sprachauffassung wissenschaftlich unterstützt werden, die zu einer offenen, demokratischen und vernetzten Sprachgemeinschaft passt.

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Über den Autor

Henning Lobin (*1964) ist seit August 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der dortigen Universität. Zuvor war er seit 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen.


Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) ist die zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte. Es gehört zu den 93 Forschungs- und Serviceeinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft. Näheres unter: <www.ids-mannheim.de>, <www.facebook.com/ids.mannheim> und <www.leibniz-gemeinschaft.de>.