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Aufnahmekriterien

Der folgende Text entspricht dem Abschnitt 2.2 "Zur Stichwortauswahl" der lexikographischen Einführung in Band 1 der Neubearbeitung (1995), S. 23* bis S. 25*, abzüglich einiger Verweise.

Beachten Sie neben den Aufnahmekriterien auch die Ausschlusskriterien

    (a) längst integrierte und assimilierte Wörter,
    (b) veraltete Fremdwörter,
    (c) Neologismen der 1980/90er Jahre,
    (d) Reine Fachtermini,
    (e) Bezeichnungsexotismen,
    (f) Mundartlich oder großregional beschränkte Fremdwörter,
    (g) Kunstwörter (insb. Warenzeichen und Abkürzungen) und
    (h) Eigennamen sowie deren jeweilige Ausnahmen.



Zur Stichwortauswahl

Unter Anknüpfung an die Schulz/Baslersche Grundkonzeption eines historisch-diachronen Auswahlwörterbuchs werden auch in der Neubearbeitung in erster Linie allgemein geläufige bzw. integrierte Fremdwörter der gegenwärtigen deutschen (geschriebenen) Standard- bzw. Gemeinsprache erfasst und in ihrer historischen Entwicklung bis zur Gegenwart beschrieben, wobei der Gegenwartsbegriff als Zeitraum von ca. 1950 bis zur Bearbeitungsgegenwart relativ weit gefasst werden soll. Als selektives historisches Fremdwörterbuch ist auch die Neubearbeitung auf weitgehend verbindliche Kriterien bei der systematischen Auswahl der Stichwörter angewiesen - im Unterschied etwa zu den gängigen Gebrauchswörterbüchern, die in kurzen Abständen aufgelegt werden und daher den jeweils jüngsten Stand des Fremdwortschatzes einschließlich peripherer Wortschatzbereiche erschöpfend erfassen.

Außer den für Fremdwörter prinzipiell geltenden Kriterien, aus einer fremden Sprache entlehnt bzw. im Deutschen ganz oder teilweise mit entlehnten Mitteln gebildet zu sein, gilt für die Erfassung der Stichwörter folgende allgemeine Bedingung: Die im DFWB behandelten Stichwörter weisen eine relativ häufige und breit gestreute Belegung im Basismaterial auf, dessen Grundstock die Schulz/Baslersche Belegsammlung bildet. Diese muss jedoch in bestimmten Fällen durch gezielte Teilexzerptionen und Übernahmen aus externen Corpora, aus Sekundärquellen und Wortmonographien ergänzt werden. Bevorzugt aufgenommen werden in Geschichte und Gegenwart gleichermaßen bezeugte Fremdwörter: Solche Wörter haben eine über einen kürzeren oder längeren Gebrauchszeitraum nachweisbare Geschichte im Deutschen und weisen zugleich einen ausgeprägten Gegenwartsbezug auf, d. h. sie sind in der gegenwärtigen Gemeinsprache allgemein geläufig und können der Wortschatzstruktur des heutigen Deutsch nach semantischen, stilistischen, sprachsoziologischen u. a. Gesichtspunkten synchronisch zugeordnet werden.

Aus dem leitenden Auswahlprinzip ergeben sich für den Ansatz der Hauptstichwörter einige Ausschlusskriterien, die vor allem folgende Gruppen des (peripheren) Fremdwortschatzes betreffen:



    (a) Lehnwörter im herkömmlichen Sinne, d. h. in alt- oder mittelhochdeutscher Zeit meist aus dem Lateinischen oder Griechischen entlehnte, also längst integrierte und formal an das Deutsche assimilierte Wörter wie "Fenster", "Keller", "Mauer", "Pfaffe", "schreiben".
Auf eine Einteilung der Wortentlehnungen in Lehn- und Fremdwörter wird also verzichtet. Das Kriterium der formalen Angleichung wird als gleitende Skala oder als Kontinuum betrachtet und Entlehnungen mit "Lehnwort"charakter werden ohne Rücksicht auf den Assimilationsgrad ab einem gewissen Zeitpunkt, etwa dem Frühneuhochdeutschen, ins Fremdwörterbuch aufgenommen. Dies sind z. B. stark assimilierte, eingedeutschte Wörter wie "Foto", "Film", "Flöte", "Front," "Dose", "Peitsche", "Möbel", "Bus", "Doktor", "fesch", "Klasse", "Note", "Streik", "boxen", "parken"; sie unterscheiden sich von solchen Wörtern, die, obwohl seit Jahrhunderten jedermann geläufig, ihre fremde Gestalt nicht oder kaum verändert haben, z. B. "Apotheke", "Restaurant", "Volumen", "Kaffee", "Evangelium", "Fabrik", "Synagoge", "Pokal", "Phantasie", "Engagement", "Positivum", "Fazit", "Nuntius", "Genius", "Courage", "Team", "Atlas".


    (b) Veraltete Fremdwörter, d. h. Wörter, die in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. nicht mehr gebräuchlich bzw. deren Denotate den meisten Sprechern des Deutschen nicht mehr bekannt sind und die nicht mehr zum aktiven, allenfalls zum passiven Wortschatz älterer Generationen gehören. Tendenziell wird jedoch dem historisch wichtigen, auch dem heute veraltenden oder nur noch historisierend gebrauchten Wortgut, besonders aus dem Bereich des Kulturwortschatzes, der Vorzug gegenüber Wortentlehnungen der allerjüngsten Zeit gegeben - was einem Fremdwörterbuch mit breiter historischer Dimension und kulturgeschichtlicher Perspektive durchaus zuzugestehen sein mag: Solche "archaischen" Fremdwörter werden im DFWB in der Regel ohnehin als Subeinträge unter dem jeweils zugehörigen Hauptstichwort behandelt, z. B. "Artistenfakultät" unter "Artist", "Äquatortaufe", "Äquinoktiallinie" unter "Äquator", "Assortiment" unter "assortiert", "Alchimisterey" unter "Alchimie", "antinomistischer Streit" bei "Antinomie" usw.


    (c) Entlehnungen bzw. Lehnwortbildungen der allerjüngsten Zeit, d. h. Neologismen der 1980/90er Jahre. Jedoch werden - im Unterschied zur Strecke R-Z - stärker neuere Entlehnungen vor allem aus dem angloamerikanischen Einflussbereich (zumindest als Sublemmata) berücksichtigt, z. B. Anglizismen wie "Air-", "Aerobic" (im Artikel "Aero-"), "arrogance of power" (als "Arroganz der Macht" im Artikel "Arroganz"), "Bestseller", "Background", "Comeback", "Discount", "Diskothek", "Fan", "Fitness", "Hearing", "Party", "Poster", oder auch neuere Weiterbildungen von älteren Anglizismen, z. B. die zahlreichen Wortbildungen mit "Baby" (z. B. "Baby-Boom", "Babyface", "Babysitter", "babysitten"), das schon im 19.Jh. ins Deutsche entlehnt wurde.
Aufgenommen werden in der Regel auch neuere Wörter bzw. Wortbildungen, die in jüngerer Zeit als Mode- oder Schlagwörter verwendet werden (z. B. "Biotop", "Ökosystem"), zumal wenn sie einer größeren, letztlich auf das Gräkolateinische zurückgehenden Wortfamilie angehören (z. B. "Asylant", "Emission").
Veraltete und neuere Ableitungen, Zusammensetzungen oder Syntagmen zu hauptlemmatisierten Fremdwörtern werden systematisch als Sublemmata angesetzt.


    (d) Reine Fachtermini, d. h. Wörter, die auf den Bereich der fachinternen Kommunikation beschränkt und in bildungs- oder gemeinsprachlichen, an ein breiteres Publikum gerichteten Texten nicht belegt sind, z. B. bei Schulz in Band I: "Alexandriner", "Äquilibrist" oder bei Basler in Band II: "Latus", "Liquor", "Lombard", "parieren", "pechös", "Place", "Poterne", "Pourparler", "Prävarikation", "Prosopon". Ausgeschlossen werden beim Buchstaben A/a auch Fachwörter wie "Abaton", "Abdikation", "Abduktion", "Abiogenese", "Ablution", "Abrogation", "abyssisch" usw.


    (e) Bezeichnungsexotismen, d. h. fremde Wörter für fremde Sachen, Begriffe u. ä., z. B. Wörter wie "Abbe", "Bagno", "Garotte", "Iglu", "Kolchos", "Samowar" (vgl. bei Basler: "Mandrill", "Palankin", "Piroge", "Pisang", "Pulque").
Die Verwendung bestimmter Exotismen, z. B. im Bereich der Mode ("Kimono", "Mokassin"), führt häufig zu einem hohen Bekanntheitsgrad, so dass eine Aufnahme dieser Wörter möglicherweise erwünscht sein kann. Der größte Teil dieser fremden Namen gehört aber vermutlich in den Sonderwortschatz von Fachleuten und Kennern und wird schon deswegen weitgehend ausgeklammert.


    (f) Mundartlich oder großregional beschränkte Fremdwörter sowie Spezifika der Schweiz und Österreichs. In Ausnahmefällen werden großregionale semantische Sonderentwicklungen als Teilbedeutungen jedoch erfasst: vgl. das in der deutschen Standardsprache gebräuchliche Verb "adaptieren", das neben den üblichen Bedeutungen nur im österreichischen Sprachraum auch die Bedeutung 'renovieren' erhalten hat.


    (g) So genannte Kunstwörter, insbesondere Warenzeichen wie z. B. "Nylon" (vgl. bei Basler: "Maggi", "Persil", "Pommery") sowie Kurz- und Buchstabenwörter wie "EFTA", "NATO", "Laser".
Dagegen können von Fremdwörtern abgeleitete Kurzwörter in Subeinträgen berücksichtigt werden, z. B. "Abo(nnement)", "Abi(tur)", "Akku(mulator)", "Kripo", "Lok", "Pulli", "Sozi".


    (h) Eigennamen vor allem von Personen (bei Basler: "Meduse", "Morpheus", "Pan", "Proteus", "Papageno", "Quisisana") sowie Namen von Speisen, Krankheiten, Tieren, Pflanzen (bei Schulz: "Anemone") u. ä., die wie die Exotismen wohl eher ins Reallexikon gehören.


Damit sind die wichtigsten Kategorien von Fremdwörtern identifiziert, die in der Regel als Hauptstichwörter aus dem Lemmabestand, also aus der ersten alphabetischen Ordnung, auszuschließen sind. Sie können aber durchaus in Form von Subeinträgen in der Mikrostruktur der Artikel erfasst, lexikographisch mehr oder weniger ausführlich beschrieben und dabei auf ihre Zugehörigkeit zum peripheren Wortschatz (z. B. mit Kommentaren wie "veraltet", "fachsprachlich") explizit markiert werden. Dies gilt insbesondere für veraltete und fachspezifische Wörter, wenn sie Mitglieder einer größeren Wortfamilie sind (z. B. "Absolutorium" bei "absolvieren", "Absentismus" bei "absent", "Apolog" bei "Apologie"), als wort- und/ oder kulturgeschichtlich bedeutsam gelten oder Rückschlüsse auf die (historische) wortbildungsmäßige Produktivität des Hauptlemmas zulassen (vgl. "Affekt", "Äther", "Apparat", "Automat", "autonom", "Atom").
Darüber hinaus werden Elemente der nach den Kriterien (d), (e) und (h) eigentlich auszuschließenden Kategorien von Fremdwörtern doch hauptlemmatisiert, wenn gewichtige Gründe für ihre Rolle in der Gemeinsprache oder im Gesamtsystem anzuführen sind:
Dies ist gegeben bei Fachtermini und fremden Namen für Speisen, Krankheiten usw., die metaphorische Bedeutungen in der Gemeinsprache entwickelt haben, z. B. Fachwörter wie "Abbreviatur", "absorbieren", "Absorption", "Affinität", "Akkumulation", "Apperzeption", "Axiom" oder Krankheitsbezeichnungen wie "Asthma", "asthmatisch", "Abszess".
Dies gilt auch für Eigennamen, die in appellativischer Verwendung - oft auch in Syntagmen oder Komposita - gebräuchlich sind, z. B. "Adam" (vgl. "Adamsapfel", "Adamskinder", "Adamskostüm"), "adamisch", "Abraham" ("in Abrahams Schoß"), "Adonis", "Adonisfigur", "adonisch", "dionysisch", "Mekka"; vgl. auch metaphorisch verwendete Komposita wie "Achillesferse", "Argusaugen", "Ariadnefaden", "Augiasstall".
Eigens lemmatisiert werden auch Bezeichnungsexotismen, die häufig in Vergleichen oder Bildern gebraucht werden, z. B. "Pascha", "Scheich", "Bumerang" oder auf einheimische Einrichtungen übertragen werden, z. B. "Bazar", eventuell auch "Kimono", "Mokassin" (vgl. aber oben (e)).