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Untersuchungsgegenstand & Forschungsfragen

 […] Seit einiger Zeit zum Beispiel hat sie bemerkt, dass das Wort „Problem“ fast aus der geschriebenen und gesprochenen Sprache verschwunden und durch „Problematik“ ersetzt worden ist. Sie hat im Wörterbuch nachgeschlagen und herausgefunden, dass die beiden Wörter keineswegs dieselbe Bedeutung haben, denn „Problematik“ verweist auf einen Problemkomplex, zum Beispiel in der Wissenschaft. Das Gleiche ist mit „Typ“ passiert, neuerdings durch „Typologie“ ersetzt, und mit „Methode“, die zu Methodologie“ geworden ist – um nur einige Beispiele zu nennen, in denen anstelle eines spezifischen Terminus ein anderer verwendet wird, der auf eine ganz andere Kategorie verweist. (aus: Andrea de Carlo (2012): Sie und er. Zürich: Diogenes, S. 112).

Paronyme wurden in der Vergangenheit generell stärker aus Fremdsprachenperspektive beleuchtet, unter der man Verwechslungen als Fehler interpretierte, die auf unzureichende Sprachkenntnisse zurückzuführen seien. Normative Sprachbetrachtungen ordneten das Phänomen der Paronymie als semantische Normentgleisungen ein. Es gibt zahlreiche Wortpaare bzw. -gruppen, bei denen es in verschiedenen Situationen zu sprachlichen Unsicherheiten kommen kann. Die Paronymie ist nur ein Fall, der von anderen Phänomenen der Verwechslung abgegrenzt werden kann. 

Die Korpuslinguistik änderte den Blick hin zu großen empirisch ausgerichteten Analysen des Sprachgebrauchs und führte zu deskriptiven Beschreibungen sprachlicher Strukturen. Aber auch neuere kognitive Modelle hinterfragen stärker, wie sprachliche Strukturen und Funktionen im mentalen Lexikon miteinander vernetzt und gespeichert sind. Beide Ansätze haben aber die Paronymie als Untersuchungsgegenstand bisher weitestgehend ausgeschlossen.

Wir verstehen Paronyme als Ausdrücke mit Verwechslungspotenzial, die unter bestimmten linguistischen und kognitiven Voraussetzungen fehlerhaft kontextuell eingebettet werden können. Kommt es zur starken Verbreitung und Konventionalisierung dieser Kontexte, kann semantischer Wandel ausgelöst werden. Die Bedingungen, unter denen sich sprachlicher Usus ändert, gilt es zu erforschen. Dazu sind kontextuelle Untersuchungen von tatsächlichem Sprachgebrauch in verschiedensten kommunikativen Situationen nötig, um Faktoren, die die Wahl bestimmter Ausdrücke favorisieren, herauszufiltern. Korpusdaten und die Möglichkeit, systematisch an sprachliche Muster heranzutreten, bieten uns beste Zugänge zu konventionalisierten Strukturen. Wir können auf diese Weise herausfinden, welche Ausdrücke tatsächlich und in welchem Umfang im Sprachgebrauch verwechselt werden. Semantische Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede können gezielt mit explorativen kontrastiven Verfahren ermittelt werden. Und Korpusdaten zeigen uns Veränderungen und sprachlichen Wandel auf, der sich über veränderte Kollokationsprofile verschiedener Zeiträume abzeichnen kann. 

Während die Klärung der Ursachen sprachlicher Verwechslung im Sinne der Paronymie nicht im Fokus strukturalistischer Studien stand, gehört es zu unseren Forschungsvorhaben, die kognitiven Konstellationen durchaus in Betracht zu ziehen. Diese werden u. U. in der Wahl lexikalischer Sequenzen sichtbar.