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Call for Papers 'Diskurs - ethisch'

8. Jahrestagung des Tagungsnetzwerks 'Diskurs – interdisziplinär'

Den Call for Papers finden Sie hier als PDF zum Download.

Das Tagungsnetzwerk ‚Diskurs – interdisziplinär‘ bietet jährlich ein Forum, in dem die Perspektive ‚Diskurs‘ fachspezifisch und fachübergreifend, disziplinär, trans- und interdisziplinär, je gegenstandsbezogen reflektiert und diskutiert wird. Diese Idee setzt voraus, dass eine zentrale, die Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften verbindende Aufgabe in der Beschreibung und Erklärung der Bedeutung von Diskursen und ihrer Funktionen in der Gesellschaft besteht.

Der Gegenstand der 8. Jahrestagung des Netzwerks ist die Ethik des Diskurses.

Viele gesellschaftliche und politische Diskurse unserer Gegenwart erfahren eine hohe, vor allem auch medial reflektierte Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, weil sich zunehmend und erneut im politischen Rechtsaußen und in den sog. sozialen Medien Redeweisen (re)etablieren, die tradierten Vorstellungen zur Art und Weise des angemessenen Sprechens strikt entgegenlaufen. Die Abweichung wird wahrgenommen, weil sie als Norm- und Regelbruch erscheint, wenn nicht sogar als solcher inszeniert ist, und sich in der Aufkündigung eines gesellschaftlichen Konsenses gefällt. Dieser Konsens entspricht einer „Menge von Normen, also Prinzipien, Regeln und Tugenden, die das Verhalten von Menschen und deren Einstellungen zu anderen und zur Umwelt leiten“, wobei es mit Blick darauf nicht nur um Fragen einer normativen Ethik gehen kann, sondern auch um Metaethik, also um Fragen zur „Analyse der Bedeutung grundlegender Begriffe der Ethik“ (Pauer-Studer 2010: 12–13) selbst. Es gibt zahlreiche Bezugspunkte der normativen Ethik und Metaethik, nicht zuletzt auch auf Fragen zum Umgang mit Menschen (siehe bereits Knigge 1788) als aufklärerisches Projekt.

Der gegenwärtigen Linguistik fällt es aufgrund ihres ausgeprägten Bekenntnisses zur Deskription (vgl. Klein 2004) schwer, normatives bzw. präskriptives Denken in ihre Agenda zu integrieren. Dennoch kommen gerade diskursinteressierte Wissenschaften – darunter vor allem auch die Diskurslinguistik – nicht daran vorbei, gerade heute und mit Blick auf die Zukunft Fragen der Ethik zu erörtern. Spätestens da, wo Alternative Facts die gewohnte wissenschaftliche Rede von der kommunikativen Wirklichkeitskonstruktion eingeholt haben, kann ein naiver Bezug auf konstruktivistische Theorien nicht mehr ohne Zweifel erfolgen. Diskursanalyse muss sich neu fragen, welche Aufgaben sie verfolgen will. Nach Warnke (i.Dr.) besteht dabei eine der Aufgaben darin, die „selbstkritische Frage zu formulieren, ob poststrukturalistisch orientierte Sprachtheorie zum Begründungszusammenhang für radikale politische und soziale Manipulation durch Streuung von Unwahrheiten werden kann.“ Abgeleitet aus dieser Frage wird dabei die Forderung, das Projekt einer Ethik des Diskurses offensiv zu verfolgen.

Es geht darum zu reflektieren, unter welchen Bedingungen intersubjektiv akzeptierte Diskursregeln nicht mehr zu gelten scheinen, sondern stattdessen thymotische Prinzipien des Regelbruchs, die die „Ordnung des Diskurses“ (Foucault 1972/2012) dekonstruieren (wollen). Ethische Instanzen verlieren dabei an Gewicht, die Kontrollfunktion von Öffentlichkeit und Gesellschaft scheinen geschwächt. Gerade deshalb ist es Aufgabe diskursorientierter Wissenschaft zu wagen, Ethik erneut und weitgreifend zu denken. Es muss betont werden, dass dies kein Widerspruch zur konstruktivistischen Grundüberzeugung der Diskursanalyse bedeutet. Kein geringerer als Ernst von Glasersfeld (1997, 50–51) hat als einer der Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus diesen Aspekt umrissen: „Er [der Radikale Konstruktivismus] beansprucht nicht mehr zu sein als eine kohärente Denkweise, die helfen soll, mit der prinzipiell unbegreifbaren Welt unserer Erfahrung fertig zu werden, und […] Verantwortung für alles Tun und Denken dorthin verlegt, wo sie hingehört: in das Individuum nämlich.“ Verantwortung wird durch ethische Prinzipien überhaupt erst denkbar.

Insofern dem Begriff einer Ethik des Diskurses also das Normative inhärent ist, ist vorauszusetzen, dass Ethik zeichenhaft repräsentiertes Handeln bezeichnet, das gesellschaftlichen Normen entspricht. Genau hier setzt auch das Interesse einer Metaethik an. Das Thema ‚Diskurs – ethisch’ steht demnach nicht nur in einem deskriptiven, sondern vor allem auch in einem präskriptiven Horizont, ohne dabei unberücksichtigt lassen zu können, dass unter metaethischen Gesichtspunkten die Kategorien jeder Ethik selbst diskursive Effekte sind. Ein Außerhalb des Diskurses gibt es dabei nicht; gleichfalls muss eine Diskursanalyse jenseits der Ethik kritisch gesehen werden. Normen und Normbrüche, die ethische Prinzipien verhandeln und vor allem auch in Frage stellen bzw. außer Kraft setzen (wollen), sind Gegenstand der Tagung, auf der eine der zentralen Fragen der Ethik überhaupt behandelt werden soll, die bereits Kant (1781: 805) als ein Vernunftinteresse angesehen hat: „Was soll ich thun?“ Diese immer wieder erneut dringliche Frage soll in diskursanalytischer Perspektivierung trans- und interdisziplinär reflektiert werden, nicht ohne ihre diskursiv-gesellschaftliche Relevanz – wie auch ihre historischen Dimensionen –  zu erörtern. Zu bedenken ist dabei, dass die Legitimation von Moral mit Verweis auf westliche Wissensordnungen der Aufklärung angesichts globaler historischer Schuld – etwa im Kolonialismus – mehr als brüchig sein muss (vgl. Césaire 1950/2017). An die Stelle normativer Ordnungen einer Ethik rücken daher in der aktuellen Diskussion zunehmend Positionen einer epistemologischen Pluralisierung, Febel & Ueckmann (2018) sprechen von Pluralem Humanismus.

Als Leitfragen für die Tagung können sich vor diesem Hintergrund ergeben:

  • Welche Diskursbedingungen müssen real gegeben sein, um in einem Diskurs nach ethischen Prinzipien zu agieren?
  • Welche Formen weisen ethische Norm- und Regelbrüche auf und unter welchen Bedingungen treten sie auf?
  • Wie lassen sich die Performationen der Brüche ethischer Normen in verschiedenen Wissenschaften methodisch erfassen, darstellen und verhandeln?
  • An welche Grenzen stoßen westliche Ethikentwürfe vor dem Hintergrund pluraler Ordnungen von Moral?

Wir freuen uns auf Beiträge aus allen geisteswissenschaftlichen und verwandten Disziplinen wie Kultur-, Literatur-, Medienwissenschaft, Sozial- und Rechtswissenschaft, Politologie, Religion und Philosophie, Kunstgeschichte und Linguistik. 

Bitte schicken Sie ein Abstract (200 bis 300 Wörter) sowie Angaben zur Affiliation mit Nennung einer bis dreier eigener Publikationen bis zum 15. Mai 2018 als PDF an

Adelheid Wibel: wibel@lexik.ids-mannheim.de 

Eine Benachrichtigung über die Annahme des Papers erfolgt zum 8. Juni 2018.

Es wäre schön, wenn sich Ihre jeweilige Institution zur Übernahme Ihrer Reisekosten bereit erklären würde.

 

Mannheim und Bremen, im Januar 2018                          

Prof. Dr. Heidrun Kämper

Prof. Dr. Ingo H. Warnke

 

 

Césaire, Aimé. 2017. Über den Kolonialismus. Berlin: Alexander. [frz.: Discours sur le colonialisme. Paris: Présence Africaine 1950.]

Febel, Gisela & Ueckmann, Natascha. 2018. Pluraler Humanismus. Négritude und Negrismo weitergedacht. Wiesbaden: Springer VS.

Foucault, Michel. 2012. Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M.: Fischer. [frz.: L’ordre du discours. Leçon inaugurale au Collège de France pronocée le 2. décembre 1970. Paris: Gallimard 1972.]

Glasersfeld, Ernst von. 1997. Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Kant, Immanuel. 1781. Critik der reinen Vernunft. Riga: Hartknoch. [Deutsches Textarchiv]

Klein, Wolf Peter. 2004. Deskriptive statt präskriptiver Sprachwissenschaft!? Über ein sprachtheoretisches Bekenntnis und seine analytische Präzisierung. ZGL 32, 376–405.

Knigge, Adolph von. 1788: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 1 und 2. Hannover: Schmidt. [Deutsches Textarchiv]

Pauer-Studer, Herlinde. 2010. Einführung in die Ethik. 2. Auflage. Wien: Facultas.

Warnke, Ingo H. i.Dr. Diskurslinguistik – Verdichtete Programmatik vor weitem Horizont. In Ingo H. Warnke (ed.), Handbuch Diskurs. Berlin/Boston: de Gruyter.