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Konzeption: Gegenstand, Korpus

Akteurskonstellationen

In sozialgeschichtlicher Sicht sind die Jahre 1933 bis 1945 geprägt von einem aus drei Grundpositionen bestehenden kommunikativen System: 1) die charismatische Herrschaft Hitlers einschl. der umgebenden Funktionsträger der SS, der SA, der Gestapo, der Funktionsträger und Machtinhaber des NS und seines Apparats, 2) die die „Konsensbasis“ (Wehler) herstellende ihm Zustimmung erteilende oder gleichgültig bleibende integrierte Gesellschaft sowie 3) diejenigen, die sich diese Herrschaft und ihre Gesellschaft zu Feinden (Carl Schmitt) erklärt und als volksfremd, als undeutsch aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen und diskriminiert haben (politische Opposition, Dissidenten, Juden, Sinti und Roma, Kirchenleute, Homosexuelle etc.). Diese drei Formationen bilden eine sprachlich-kommunikative Grundstruktur. Diese Struktur ist weiter zu differenzieren: die Macht und Herrschaft ausübende Führungselite etwa nach Funktionen und Positionen im hierarchischen Herrschaftsapparat; die Volksgemeinschaft nach Alter (Dominanz der Jugend) und Geschlecht (Frauen und NS), insbesondere nach den Graden der die Herrschaft stützende, staatliche Akte der Diskriminierung und Ausschließung duldende bzw. hinnehmende integrierte Gesellschaft; die der Ausgeschlossenen nach dem Diskriminierungsmotiv (politisch, religiös etc.).

Diese akteursbezogene kommunikative Konstellation der Jahre 1933 bis 1945 referiert auf die Voraussetzungen jeglichen Sprechens und Agierens im Diskurs: zum einen die jeweilige Position der Akteure, zum andern die je spezifische Weltbild- und Einstellungsprägung der Beteiligten. Es beschreibt damit die Sprache der Jahre 1933 bis 1945 als ein System von in spezifischer Weise (sprachlich) handelnden Personen und bildet Sprache dieser Zeit in Handlungszusammenhängen im Sinn eines interaktiven/-kommunikativen Gesamtkomplexes ab. Die Jahre 1933 bis 1945 werden als kulturgeschichtlicher Gegenstand so im Sinn eines komplexen, von einer spezifischen Akteurs- und Handlungskonstellation determinierten Kommunikationssystems beschrieben, das in alle Bereiche und Domänen von Gesellschaft und Politik hineinreicht.

 

Handlungskonstellationen

Kernidee des Vorhabens ist also, den NS als Diskursbedingung zu verstehen und sprachliche Manifestationen der Jahre 1933 bis 1945 als sprach- und kommunikationsgeschichtlichen Gegenstand  aus der handlungs- und akteursbezogenen Perspektive zu beschreiben.
Mit den drei Instanzen, ‚NS-Apparat‘, ‚integrierte Gesellschaft‘ und ‚Ausgeschlossene‘, ist die Grundstruktur der Beteiligten unter den Bedingungen des NS abgebildet, die Sprache und Akteure in einen Zusammenhang bringt. Insofern die Perspektivengebundenheit die Denk- und Redeweisen der Akteure bestimmt, bedeutet die Bindung der sprachlichen Äußerungen an die Bedingungen der Sprecherperspektiven zum einen, Träger des NS (NS-Apparat), seine Reproduzenten (integrierte Gesellschaft) bzw. als Opponenten / Antagonisten (Ausgeschlossene) agierender Akteure darzustellen. Zum andern ermöglicht dieses Modell die linguistische Beschreibung eines kommunikativen Gesamtkomplexes unter den Bedingungen des NS.

 

NS-Apparat

Die Akteursposition ‚NS-Apparat‘ hat steuernde bzw. initiierende Funktion. Diese Perspektive entspricht einem Verständnis von NS als einem unidirektionalen kommunikativen Komplex mit vertikal-hierarchisch geprägter Struktur. Sprachausführende sind die NS-Akteure des Regimes. Typische Kommunikations- bzw. Handlungsmuster dieser Akteursposition sind etwa BEFEHL oder VERSPRECHEN (vgl. Ehlich 1989, 1998), ebenso Präsuppositionen, Implikaturen oder Anspielungen. Auf der lexikalischen Ebene sind in diesem Komplex die Organisations-, Funktions- und Ideologieeinheiten zu erfassen. ‚Sprache unter den Bedingungen des NS‘ ist in der Perspektive ‚NS-Apparat‘ ein Machtphänomen, das ein ideologisch umgedeutetes Norm- und ethisches Wissen und die Kündigung des Moralkonsenses (Parsons 1972, 127) durchsetzt.

Integrierte Gesellschaft

Die Akteursposition ‚integrierte Gesellschaft‘ nehmen die zustimmenden oder gleichgültig schweigenden Massen der Diskursgemeinschaft ein. Sie reproduzieren und stabilisieren den Diskurs und verleihen ihm Kohärenz. In dieser Perspektive ist ‚Sprache unter den Bedingungen des NS‘ in der Vertikalen zu beschreiben als eine asymmetrische, bidirektionale Konstellation, die seitens der integrierten Gesellschaft Befehlsgehorsam sowie typische kommunikative Akte wie etwa AKKLAMATION oder DENUNZIATION verlangt. Außerdem sind in der Horizontalen symmetrische bidirektionale Konstellationen darzustellen, die die mehr oder weniger erfolgte Gleichschaltung im Alltag beschreibt. Diese Darstellungskonzeption hinsichtlich der integrierten Gesellschaft ist ein mentalitätsgeschichtlicher Beitrag, der die mehr oder weniger vollzogene Verabschiedung von Norm- und ethischem Wissen nachvollzieht.

Ausgeschlossene

Die ‚Ausgeschlossenen‘ der dritten Akteursposition kommen in der vertikalen Kommunikationskonstellation lediglich als Objekte vor. In der horizontalen Konstellation sind die (sprachlichen) Beschreibungs- und Widerstandshandlungen, das Widersprechen des Widerstands, darzustellen. Typische Handlungsformen sind PROTEST, KRITIK, BERICHT, APPELL etc. Indem die Akteure in dieser Position auf dem bis 1933 geltenden Norm- und ethischen Wissen bestehen, lässt sich mit dieser Beschreibungsperspektive das (sprachliche) Komplement zu den beiden erstgenannten Positionen markieren.
Indem diese drei unterscheidbaren (und weiter auszudifferenzierenden) Positionen im Diskurs den NS als gemeinsamen Referenzbereich haben, bilden sie auf der übergeordneten Ebene des Diskurses eine Einheit. Die Beschreibung des Gegenstands im kommunikativen Gesamtzusammenhang ist damit gewährleistet.

Korpus

Dieser Konzeption ist das zu analysierende Textkorpus insofern anzupassen, als vorausgesetzt wird, dass die drei Akteurspositionen sich in je entsprechenden Texten abbilden.
Die Position ‚NS-Apparat‘ wird durch politisch-offizielle Texte (Reden, Erlasse, Sprachlenkungsvorschriften, BluBo-Literatur, etc.) repräsentiert, ebenso von NS-Presse (u.a. Völkischer Beobachter, Das Reich, Der Stürmer) und von Wörterbüchern und Enzyklopädien (Trübner, der ‚Braune Meyer‘ etc.). Einen besonderen Stellenwert wird zum einen ‚Mein Kampf‘ einnehmen. Auf diesen Text soll unter verschiedenen inter-/transdisziplinären Fragestellungen (linguistisch, historiografisch, soziologisch etc.) zugegriffen werden. Zum andern wird nach Instanzen des kollektiven Gedächtnisses, deren Bestandsänderungen und deren Inszenierungen gefragt.
Die Position ‚integrierte Gesellschaft‘ bildet insbesondere die affirmative Brief- und Tagebuchliteratur ab, ebenso Werbung, Alben und Sammelbilder sowie literarische Texte der ‚mittleren‘ Ebene (also der Ebene der Gebrauchsliteratur). Außerdem sind solche Texte zu berücksichtigen, die Bezug nehmen auf vom totalitären Staat gemachte Angebote bzw. vorgegebene Instanzen: Texte aus dem KdF-, WHW-, NS-Frauenschaft-, DAF-, NSV-Kontext, HJ- und BDM-Texte ebenso wie Texte mit Bezug auf das ‚Festjahr‘ (‚Machtergreifung‘, ‚Heldengedenktag‘, ‚Führers Geburtstag‘, ‚Tag der nationalen Arbeit‘, ‚Muttertag‘, ‚Sonnenwendfeier‘, ‚Reichsparteitag‘, ‚Erntedank‘, ‚Totenehrung‘) sind hier insbesondere von Interesse, unter dem Zäsuraspekt vor allem aus der Zeit des Übergangs und der Konsolidierung (1933 bis etwa 1936/38). Als Grundlage dienen in diesem Zusammenhang darüber hinaus die in der Forschung nach wie vor zu wenig beachteten ‚Meldungen aus dem Reich‘ bzw. die ‚Deutschlandberichte‘ der Sozialdemokratischen Partei. Der bereits hinsichtlich der Akteursposition ‚NS-Apparat‘ fokussierte Gegenstand ‚Instanzen des kollektiven Gedächtnisses‘ wird in Bezug auf die Position ‚integrierte Gesellschaft‘ aufgenommen, indem Alltagstexte mit Thematisierungen der Instanzen und ihrer Inszenierungen ausgewertet werden. 
Die Position ‚Ausgeschlossene‘ markieren vor allem Texte, die diese Position thematisieren (KZ-, Zuchthausberichte, Briefe, Tagebücher), ebenso oppositionelles Material der unterschiedlichen Formen und Formationen des Widerstands wie etwa Flugblätter mit Aufforderungen zum Widerstand etc. Auch der politische bzw. Flüsterwitz zählt dazu ebenso wie Kabarett, Satire, Karikatur bzw. dissidente literarische Texte (etwa Brecht).

In diese akteursbezogene Perspektivierung des Vorhabens sind die relevanten sprachlichen Beschreibungsebenen (Lexik, Texte/Textsorten, Metaphorik, Grammatik, Stil, Argumentationsmuster) als Manifestationen und Entsprechungen der jeweiligen Akteurspositionen ebenso einbezogen wie semiotische Realisationen.