Lexik
Abstracts
Stefan Engelberg (Institut für Deutsche Sprache, Mannheim & Universität Mannheim)
Deutsch in der Südsee: Quellen, Daten, Forschungsfragen
Der Vortrag skizziert zunächst die Ziele eines Forschungsprojekts am IDS, das sich mit dem deutschen Sprachkontakt im Südpazifik befasst. Dieses Projekt untersucht die sprachliche Situation, die durch die deutsche Kolonialherrschaft im Südpazifik entstand. Dabei werden (i) die sprachlichen Folgen des Sprachkontakts zwischen dem Deutschen und den etwa 700 Sprachen in den südpazifischen Kolonialgebieten erfasst, (ii) die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und sprachlichen Ursachen für Art und Ausmaß der Sprachkontaktfolgen untersucht und (iii) ein Wörterbuch der deutschen Entlehnungen in den Sprachen des Südpazifiks erstellt.
Der Schwerpunkt des Vortrags liegt in der Beschreibung und Bewertung der Quellenlage. Dabei werden Primärquellen (sprachliche Zeugnisse), Sekundärquellen (lexikologische und grammatische Beschreibungen) und Tertiärquellen (metasprachliche Quellen zu Spracheinstellungen, Sprachenpolitik, Sprachenverhältnissen, etc.) unterschieden. Die einzelnen Quellen werden hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, Verwertbarkeit, Zugänglichkeit und Umfänglichkeit vorgestellt und bewertet. Der Vortrag soll damit zur Beantwortung der Frage beitragen, wie zuverlässig und mit welchem Aufwand historische Sprachkontaktsituationen rekonstruiert werden können.
Peter Mühlhäusler (University of Adelaide)
Sprachliche Kontakte in den Missionen auf Deutsch Neuguinea und die Entstehung eines Pidgin-Deutsch
Für den Gebrauch der deutschen Sprache auf den Missionsstationen von Kaiser-Wilhelms-Land und dem Bismarck-Archipel gab es eine Reihe von Gründen: pragmatische, politische, erzieherische und weitere. In dem ersten Teil dieses Vortrags werde ich kurz auf den sozialgeschichtlichen Hintergrund und missionarische Sprachpolitik eingehen, und zeigen, wie im Spannungsfeld zwischen Sprachpolitik und den Realitäten des vielsprachigen Missionsfelds sprachliche Lösungen entstanden, die nicht unbedingt im Sinne der Mission oder der Regierung waren: die Verbreitung des Pidgin Englischen, das Entstehen einer deutschen Kreolsprache, Unserdeutsch, und in einer Minderheit von Fällen ein Pidgin Deutsch.
Im zweiten Teil meines Vortrags werde ich Sprachproben dieses Pidgindeutsch vorstellen, welches sich auf den Missionsstationen einiger kleiner Inseln des Sepikgebiets und um Alexishafen entwickelt hat. Ich hatte von 1972 - 1975 Gelegenheit, Tonbandaufnahmen dieser Sprachvarietät zu machen, die ich wegen anderer Prioritäten nie vollständig transkribiert oder analysiert habe. Da es anscheinend die einzigen Aufnahmen dieses Pidgindeutsch sind, habe ich dies nunmehr nachgeholt.
Die Texte zeigen ein faszinierendes Bild einer längst verschwundenen Sprache und eignen sich zum Vergleich mit Pidgindeutsch Varietäten anderer Kolonien, wie Südwestafrika oder Kiautschou.
Julius Riese (Universität Luzern)
The Samoanische Zeitung (1901-1914): Images of the Samoan People and Culture in a German Colonial Newspaper
Die Samoanische Zeitung - die erste und einzige kommerzielle deutschsprachige Zeitung im kolonialzeitlichen Pazifik - erschien von 1901 bis 1914 in Apia (Samoa), also fast zeitgleich mit der Periode der deutschen Kolonialherrschaft im westlichen Teil des Archipels. Dies macht die Samoanische Zeitung zu einem wichtigen Zeugnis des deutsch(sprachig)en Einflusses in Samoa. Das vorzustellende Forschungsprojekt untersuchte einen speziellen Aspekt des Inhalts dieser Zeitung: die Thematisierung und Darstellung der indigenen samoanischen Bevölkerung und Kultur in den mehrheitlich deutschsprachigen Artikeln der Zeitung. Es zeigte sich, dass sich diese in sechs miteinander verbundene Diskurse gliedern lassen, die im Rahmen der Arbeit wie folgt überschrieben wurden: 1.) The Jewel of the South Sea - reinforcing positive images of Polynesia, 2.) To three quarters our race - locating the Samoans 'racially', 3.) A people and their culture doomed - evolutionary discourse, 4.) Degrading to a miserable caricature - cultural change and preservation, 5.) Either native or foreigner! - colonial difference and distance, 6.) Claiming cultural capital - the SZ as an ethnographic forum. Diese sechs Diskurse fügen sich in den allgemeinen ideengeschichtlichen Kontext ein, spiegeln aber zugleich auch Besonderheiten der kolonialen Situation Deutsch Samoas wider. Dass eine Reihe der deutschen Siedler, die Beiträge für die Samoanische Zeitung verfassten, grosses Interesse an der autochthonen samoanischen Kultur und insbesondere Sprache zeigten (und darüber auch ausserhalb der Samoanischen Zeitung rege publizierten), unterstreicht diese Besonderheiten. Der Vortrag gibt einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsprojektes und zeigt Perspektiven zukünftigen Forschungspotentials auf dem Gebiet der sprachlichen Interaktion von deutschen und samoanischen Muttersprachlern im Samoa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf.
Doris Stolberg (Institut für Deutsche Sprache, Mannheim)
Sprachkontakt in der Schule: Deutschunterricht in Mikronesien (1884-1914)
Während der deutschen Kolonialherrschaft im Pazifik fand in verschiedenen Bereichen und unterschiedlicher Intensität Sprachkontakt zwischen Deutsch und den einheimischen Sprachen statt. Die Zahl der deutschen Muttersprachler vor Ort war gering, und Deutsch war häufig nicht das Kommunikationsmittel der Wahl, so dass sich wenig natürliche Kontaktgelegenheiten ergaben. Dennoch sind in einer Reihe von lokalen Sprachen Entlehnungen aus dem Deutschen z.T. bis heute belegt. Dabei sind Unterschiede im quantitativen Umfang der Entlehnungen zu beobachten, die auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückgehen (Kontaktgelegenheit, Sprechereinstellungen, Sprachverhalten der deutschen Muttersprachler, lokale Verwendung weiterer europäischer Sprachen, z.T. schon vor dem Kontakt mit dem Deutschen, u.a.).
Ein Bereich, in dem die Berührung mit der deutschen Sprache von deutsch-administrativer Seite gewünscht und unterstützt wurde, waren die Schulen. Seit 1897 sollte Deutsch neben der jeweils lokalen Sprache als erste Fremdsprache unterrichtet werden (sofern fremdsprachlicher Unterricht stattfand). In meinem Vortrag, der sich vorrangig auf den mikronesischen Teil des pazifischen Kolonialgebiets bezieht, untersuche ich für die Schulen als einem Kontext möglicher Kontaktgelegenheit, wie sich die Zahlenverhältnisse zwischen Sprechern lokaler Sprachen und Sprechern des Deutschen darstellten, in welchem Umfang und, soweit nachvollziehbar, in welcher Qualität Deutschunterricht stattfand, und welcher Anteil der Bevölkerung Gelegenheit hatte, am Deutschunterricht teilzunehmen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung setze ich in Bezug zur Menge der belegten deutschen Lehnwörter in den relevanten Sprachen und diskutiere abschließend, in welchem Umfang davon auszugehen ist, dass die Schulen und der dort angebotene Sprachunterricht die Entlehnungsrate aus dem Deutschen beeinflusst haben.
Thomas Stolz (Universität Bremen)
Was soll, was kann eine Koloniallinguistik mit Deutschlandbezug?
Zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands gehört auch die kritische Würdigung der im Zusammenhang mit dem kaiserzeitlichen Kolonialismus entstandenen Beiträge zu den Sprachen der ehemaligen deutschen Schutzgebiete in Afrika, China und Ozeanien. Während seit Jahrzehnten mit der Missionarslinguistik international ein Forschungsparadigma besteht, das unter besonderer Berücksichtigung der sprachwissenschaftlichen Leistungen der frühen Grammatiker und Lexikographen im Kontext des spanischen und portugiesischen Kolonialismus das Augenmerk darauf legt, wie die für die Europäer exotischen Sprachen in Übersee als Gegenstände der (meist angewandten) Sprachforschung behandelt wurden, fehlt bislang ein Ansatz, der sich spezifisch der deutschen Perspektive auf die Sprachen der kolonialisierten Gebiete des Kaiserreichs widmet. In der etwas mehr als dreißigjährigen Periode kolonialer Machtausübung sind von deutscher Seite durch Privatleute, Militärs, Missionare, Verwaltungsbeamte und Kaufleute zahlreiche Beiträge zur Beschreibung der Sprachen von Togo bis Samoa geleistet worden, deren Wert für die heutige Forschung noch weitgehend unerkannt geblieben ist. Viel Material aus der Kolonialepoche, darunter auch ethnographische Text- und Liedersammlungen sowie andere Schriften in den indigenen Sprachen, lagert in Manuskriptform in Archiven, Bibliotheken und privaten Sammlungen. Für einige Sprachgemeinschaften sind diese Texte kulturhistorisch wertvoll, gleichzeitig sind sie für die Ideen- und Fachgeschichte der Sprachwissenschaft hochgradig interessant.
Der Vortrag stellt das wissenschaftliche Potential einer Koloniallinguistik mit Deutschlandbezug anhand von ausgewählten Fallbeispielen dar. Es wird darüber hinaus gezeigt, dass die Koloniallinguistik nicht einseitig systemlinguistisch orientiert ist und dass sie ihrer interdisziplinären Ausrichtung wegen über die Grenzen der Missionarslinguistik hinausgeht. Das Studium der koloniallinguistischen Beiträge aus der Zeit von etwa 1884 bis kurz nach 1914 erlaubt uns auch die Rekonstruktion des deutschen Blicks auf die überseeische Welt, ihre Bewohner und Kulturen.
Ingo H. Warnke & Daniel Schmidt-Brücken (Universität Bremen)
Das Sprachbeispiel in der koloniallinguistischen Grammatikschreibung -
Überlegungen zum sprachlichen Status von kolonialen Gewissheiten
Gegenstand des Vortrags ist ein Korpus von Beispielsätzen in Grammatiken der deutschen Kolonialzeit. Textgrundlage des Korpus sind 14 Grammatiken und Sprachführer von 11 Autoren zu indigenen afrikanischen Sprachen, die in den ehemaligen Schutzgebieten des Deutschen Reiches von 1884 bis 1919 gesprochen wurden. Untersucht werden dabei die Prädikatsklassen in den Beispielsätzen, der Satzmodus und das Denotat des Subjektausdruckes. Die Analyse erfolgt vor dem Hintergrund der Frage, wie man in der Grammatikographie die Funktion von Beispielsätzen einordnen kann. Ausgegangen wird von der herkömmlichen Unterscheidung zwischen deskriptiver und präskriptiver Grammatik, die sich jedoch als nicht hinreichend erweist. Mit Bezug auf Wittgensteins Abhandlung Über Gewissheit/On Certainty (1950/51) wird in den Beispielsätzen der Kolonialgrammatiken eine befremdliche Gewissheit über die Richtigkeit der kolonialen Machtverhältnisse erkennbar, die auf einfache Erfahrungssätze des Typs Sklaven werden bei Ungehorsam getötet zurückzuführen sind. Zur Erfassung dieses Phänomens ergänzen wir die hergebrachte Einordnung von grammatischen Beispielen um die grammatikographische Kategorie der epistemischen Lesart. Der Vortrag verbindet datengestützte Sprachanalysen mit konzeptionellen Überlegungen und ist Teil eines Projektes zur grammatisch orientierten Diskursanalyse des deutschen Kolonialismus.
