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Was sind usuelle Wortverbindungen?

Wortverbindungen begegnen uns auf vielfältige Weise und in unterschiedlichen sprachlichen Formen:

Hunde werden an der Leine geführt.

Ein Kind wird ermahnt: Putz dir bitte die Zähne!

Man sagt: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!

Dass es sich hierbei nicht um beliebige Kombinationen von Wörtern handelt, zeigt die Austauschprobe:

Ein Hund wird nicht an der *Schnur geführt.

Eine Mutter sagt zu ihrem Kind nicht: *Wasch dir die Zähne!
Es ist nicht der *Pirol, der noch keinen Sommer macht.

Diese Beschränkungen in den Kombinationsmöglichkeiten hat uns aber nicht eine Grammatik vorgeschrieben, sondern sie sind durch häufigen Sprachgebrauch entstanden.

Wie verbreitet solche Wortverbindungen in unserer Sprache sind, zeigen ausgewählte Beispiele aus Überschriften einer einzigen Ausgabe der Tageszeitung "Mannheimer Morgen" vom 2. Juli 2003:

Federn lassen müssen

die Nase vorn haben

vor Anker gehen

an die Spitze rücken

für Schwung sorgen

Farbe bekennen

verrückt spielen

ins Haus stehen

Wellen schlagen

Gegenwind bekommen

Morgenluft wittern

grünes Licht geben

auf jemanden zugehen

wissen, wo der Schuh drückt

Balsam auf die Seele

heißes Eisen

schwere Panne

ein erster Schritt

eine Hand voll

einmal ganz anders sein

in Kapitel ...

voller Spannung

Sieg der Vernunft

Prinzip Hoffnung

Ein Herz für ...

Räuber und Gendarm

Sprecher kommunizieren also nicht nur mit einzelnen Wörtern, die sie im Laufe ihres Lebens gelernt haben und die sie zu sinnvollen Sätzen oder Texten zusammensetzen können. Sie kommunizieren zu einem Großteil über feste und relativ feste Wortkombinationen. Diese stellen wesentliche Bausteine unserer Sprache dar. Muttersprachlichen Sprechern ist die Relevanz dieser sprachlichen Bausteine für die Kommunikation oft gar nicht bewusst. Sie haben Mehrwortverbindungen als zusammenhängende Einheiten "abgespeichert" und können sie auch so "abrufen", oder sie stellen intuitiv die richtigen Verbindungen her. Für Nichtmuttersprachler sieht das anders aus: Sie befinden sich immer in der Gefahr, die Kombinationsregeln zu verletzen, da diese von Sprache zu Sprache sehr unterschiedlich sind. In vielen Fällen gibt es keine Eins-zu-eins-Entsprechung. Sie müssen solche Wortverbindungen lernen, vor allem, um aktiv sprechen und fremdsprachige Texte angemessen formulieren zu können.

Deshalb interessieren sich insbesondere Übersetzer und Fremdsprachenlehrer dafür, wie die üblichen Wortverbindungen einer Sprache aussehen und wie man sie vermitteln kann. Die Lexikografen bemühen sich, diese verstärkt in ihre Wörterbücher aufzunehmen und mit Beispielen ihrer tatsächlichen Verwendung im aktuellen Sprachgebrauch anzureichern.

Wortverbindungen verkörpern darüber hinaus "geronnene kulturelle Erfahrungen" einer Sprachgemeinschaft (z.B. Sprichwörter), und es ist deshalb wichtig, sie zu sammeln, zu archivieren und in ihrem gegenwärtigen Gebrauch auch für die Nachwelt zu dokumentieren.

Wenn wir die "Logik der Wortverbindungen" verstehen, können wir sehr viel über die Strukturen der Sprache und des Denkens erfahren. Deshalb kann die Erforschung von Wortverbindungen auch zur Theorienbildung in der Linguistik selbst wertvolle Beiträge leisten.

Mit welchen Methoden kann man usuelle Wortverbindungen erkennen und beschreiben?

Die Forschung versucht seit langer Zeit und mit verschiedenen Methoden herauszufinden, welche Einheiten auf welche Weise in der Kommunikation eingesetzt werden.
Seit vielen Jahrzehnten gelten vor allem Erfahrung und Sprachkompetenz der Wissenschaftlerals Maßstab dafür, welche Wortverbindungen üblich sind, was sie bedeuten, wie sie verwendet werden und ob sie in ein Wörterbuch oder Lehrwerk Aufnahme finden.
Außerdem werden Methoden wie Befragungen von Versuchspersonen über den Bekanntheitsgrad von Wortverbindungen oder psychologische Assoziationstests verwendet.
 Die Entwicklung der Computertechnologie - insbesondere auch im Bereich des Aufbaus elektronischer "Textdatenbanken" (massenhafte elektronische Speicherung von gesprochenen und geschriebenen Texten in so genannten Korpora) - macht es nun mehr und mehr möglich, Sprachgebrauch mit statistischen Methoden zu analysieren und so zu Aussagen über aktuelle sprachliche Phänomene zu kommen. Besonders betrifft dies die Analysemethoden zum Erkennen üblicher Wortverbindungen einer Sprache, vor allem die statistische Berechnung typischer Partnerwörter und Wortkombinationen. Mit der statistischen Analyse findet man z. B. für das Wort Kopf solche typischen Partnerwörter heraus wie führend, gesenkt, hochrot, klug, schütteln, aber auch Partnerwörter, die auf Redewendungen hinweisen, wie Mauer (Mauer in den Köpfen), Sand (Kopf in den Sand stecken), Nagel (den Nagel auf den Kopf treffen), Schlinge (den Kopf aus der Schlinge ziehen) (vgl. z.B. die am IDS entwickelte Kookkurrenzanalyse). Diese automatisch ermittelten Resultate müssen dann von den Linguisten und Lexikografen interpretiert und weiterverarbeitet werden, was auch eine neue Herausforderung für die Forschungsarbeit darstellt.

Nähere Informationen über den im Projekt 'Usuelle Wortverbindungen' verfolgten Forschungsansatz finden Sie unter Wissenschaftlicher Ansatz.