Projekt: "Kommunikative soziale Stilistik"

Teilprojekt: "Formen der Kommunikationsregulierung in Fernsehgesprächen und interaktiven Medien im Internet"

Projektbearbeiter: Prof. Dr. Werner Kallmeyer - Dr. Wilfried Schütte

Fragestellung / Zielsetzung
Leitfragen
Repräsentationen von Normalformen und Leitbildern der Kommunikation in Gesprächssendungen des Fernsehens
Spielregeln und normative Formen von Selbstverwaltung für virtuelle Gemeinschaften im Internet
Einordnung
Publikationen

Fragestellung / Zielsetzung

Das Teilprojekt beschäftigte sich mit Formen der Kommunikationsregulierung im öffentlichen und halböffentlichen Diskurs. Ziel der Untersuchung war, Repräsentationsformen von Normen und Leitvorstellungen der Kommunikation im alten Leitmedium "Fernsehen" mit denen im neuen Leitmedium "Internet" zu vergleichen.

Leitfragen

  1. Welche Erscheinungsformen und Funktionen haben Repräsentationen von Normalformen und Leitbildern der Kommunikation in Gesprächssendungen des Fernsehens, und welche Bedeutung haben sie für die Zuschauerrezeption?

    Dazu wurden metakommunikative bzw. selbstreflexive Elemente im Mediendiskurs erfasst, ausgehend von Gesprächssendungen in Rundfunk und Fernsehen. Dabei interessierte insbesondere, welche Rolle Vorstellungen von Kooperativität und Unkooperativität (d.h. der Behutsamkeit eines helfenden Gesprächs, der Unhöflichkeit, des aggressiven Kampfes um das Rederecht, des harten Insistierens usw.) auf der Produzentenseite im Vorbereitungsprozess, in der Gesprächssendung selbst und in der Zuschauerrezeption spielen. Um soziale Unterschiede der Fernsehrezeption vor dem Hintergrund unterschiedlicher lebensweltlich relevanter Normalformen und Leitbilder zu erfassen, wurden Gruppen aus unterschiedlichen sozialen Milieus beobachtet. Die Untersuchung soll einen Beitrag liefern zur Beschreibung von Prozessen der gesellschaftlichen Normbildung für das sozial-kommunikative Handeln.

    Gesprächssendungen des Fernsehens sind für eine solche Untersuchung insofern ein gut geeigneter empirischer Bereich, als sie sich in den letzten Jahren erheblich vermehrt und in ihrem Charakter ausdifferenziert haben. Unter dem Konkurrenzdruck der verschiedenen Sendeanstalten und Sendungsreihen werden gleichsam wie auf einem Experimentierfeld immer neue Konzeptionen entworfen und bestehende variiert. Die Gesprächssendungen sind durch unterschiedliche Konzeptionen der Gesprächsführung und damit verbundene Leitbilder von Kommunikationskultur geprägt, die teilweise erheblich vom bislang verbindlichen "guten Ton" in öffentlicher Kommunikation abweichen. Mehr oder weniger explizit nehmen alle Konzeptionen von Gesprächssendungen auf Kommunikationsnormen Bezug und werden über Vorstellungen wie "wenn man nicht provoziert, bekommt man keine substantiellen Auskünfte" definiert und legitimiert. Die Untersuchung der (propagierten, kritisierten, demonstrierten) Kooperationsformen liefert einen Schlüssel für die gesellschaftlichen Leitvorstellungen der Problem- und Konfliktbehandlung. Die Interaktionsbeteiligten reagieren hochgradig sensibel auf Formen manifester oder eingeschränkter Kooperativität, der Höflichkeit oder Unhöflichkeit, weil diese Grundmuster sozialen Verhaltens betreffen. Gesprächssendungen bieten dem Rezipienten in dieser Hinsicht reichhaltiges Anschauungsmaterial. Zumindest in einzelnen Aspekten wird diese Anschauung auch das eigene Verhalten der Rezipienten beeinflussen.

    Die Untersuchung erfasste drei Perspektiven auf die Medienkommunikation und setzte sie zueinander in Beziehung: die Beobachtung der Vorbereitung auf der Produzentenseite, die Analyse des gesendeten Fernsehgesprächs und die Untersuchung der Rezeption. Daraus ergeben sich drei Fragenkomplexe:

    • Wo treten auf der Produzentenseite Überlegungen zu Normen und Leitbildern der Kommunikation auf (Konzeption, Planung, Auswertung von Rückmeldungen), welche sind dies und wie beeinflussen sie die Konzeption und die steuernden Vorgaben von Gesprächssendungen?
    • Auf welche Weise sind Konzepte von Kommunikationsnormen in der Sendung repräsentiert in programmatischen bzw. kommentierenden äußerungen, und wie verhält sich die faktische Kommunikationspraxis im Fernsehgespräch dazu?
    • Welche Rolle spielt die Repräsentation von Kommunikationsnormen in Gesprächssendungen für die Rezeption; wie ist das Verhältnis zwischen der Wahrnehmung und Bewertung der Kooperationsformen im Fernsehgespräch und den lebensweltlichen Orientierungen der Rezipienten, und wie unterscheidet sich in dieser Hinsicht die Rezeption von Zuschauern aus unterschiedlichen sozialen Milieus?

  2. Welche Spielregeln und normativen Formen von Selbstverwaltung sind für virtuelle Gemeinschaften im Internet mit professionellem Selbstverständnis charakteristisch?

    Vernetzte Systeme gestatten die Dezentralisierung von Arbeitsprozessen und die Flexibilisierung der Zeitorganisation; sie bringen in vielen Fällen, z.B. bei Newsgruppen im Usenet und Mailinglisten, offene Gruppenstrukturen mit sich; weiter fördern sie die Flexibilisierung der Grenzziehung zwischen Arbeit und Freizeit. Das Ziel war die Beschreibung der Zusammenhänge zwischen den Kommunikationsbedingungen in neuen interaktiven Medien und den Kommunikationsformen. Wichtige Beobachtungspunkte waren dabei u.a. die Herstellung und Aufrechterhaltung einer Interaktionsmodalität der ernsthaften Arbeit, die Veränderung der Formen der Kontaktaufnahme und Beziehungskonstitution (u.a. geprägt durch Lakonie) und die Standards von Formalität und sprachlicher Korrektheit. Als empirische Grundlage wurde ein Korpus von Texten aus unterschiedlichen Internetgruppen zusammengestellt einschließlich der bereits vorhandenen und zugänglichen Korpora. Zur Auswertung wurden auch sprachstatistische Methoden eingesetzt. Als Voraussetzung dafür soll das Korpus in eine Datenbank überführt und an COSMAS II angeschlossen werden.

    Das relativ einfache Format der Mailinglisten hat sich in einem ausdifferenzierten Web-Angebot aus vielen Gründen bewährt:

    • Mailinglisten ermöglichen eine gezielte Versorgung mit berufsspezifischen Informationen, die redaktionell in ihrer berufsspezifischen Relevanz gesichtet und geprüft worden sind.
    • Kommunikationsökonomie durch Konsultation von Experten: Der Informationstransfer per Internet-Forum dient als "Abkürzungsverfahren": Anfragen im Vertrauen auf den Wissensvorsprung und die größere Kompetenz vorerst anonymer Adressaten können Zeit ersparen, wenn die Antworten nicht nur ein bestimmtes Wissen liefern, sondern es auch einordnen, gewichten und bewerten.
    • Foren können so auch die Orientierungsprobleme kompensieren vor allem für Neulinge in anderen Online-Angeboten, etwa wenn sie die Möglichkeiten der Abfrage-Syntax von Datenbanken nicht hinreichend nutzen können oder wenn die Navigation in unzureichend hypermedial strukturierten Websites problematisch wird.
    • Sozial akzeptierte Flüchtigkeit des referierten Wissens: Foren bieten zudem die Möglichkeit, "vorläufiges" Wissen, das idiosynkratisch, nicht abgesichert und etwa für wissenschaftliche Veröffentlichungen noch unzureichend belegt ist, weiterzugeben oder zur Diskussion zu stellen. Generell kann man der Foren-Kommunikation eine geringere "Halbwertzeit" für die Aktualität und Relevanz von Information zuschreiben, also den Zeitraum, in dem eine Information aktuell und relevant ist - das geht freilich auf Kosten der Zuverlässigkeit und Belegqualität, die über Foren weitergegebene Informationen haben.
    • Einige Foren werden von den aktiv Beteiligten als Selbsthilfe-Gruppe in z.B. gewerkschaftlicher Orientierung verstanden, in der u.a. Tipps zu juristischen Rahmenbedingungen der beruflichen Arbeit ausgetauscht, Solidarität mit KollegInnen geübt, die von Arbeitgeber-Sanktionen bedroht werden, sowie Freiräume für eine selbstbestimmte Arbeit bei an sich abhängigem Beschäftigungsverhältnis konstruiert und aufrechterhalten werden können.
    • Mitunter dient das Forum als Teil einer kritischen "Gegenöffentlichkeit", in der Themen und Positionen, die im publizierten "Mainstream" der beruflichen sozialen Welt an den Rand gedrängt oder gar diskriminiert werden, besonders berücksichtigt und toleriert werden.
    • Schließlich dienen Foren oft als Sozialisationshilfe, z.B. für den beruflichen Nachwuchs. Einfache Beispiele für diese Nutzung von Mailinglisten und Foren sind Literaturanfragen an Experten oder Fragen zu Ausbildungsgängen und Stipendien.

Einordnung

Das Teilprojekt stützte sich auf Ergebnisse des Projekts Gesprächsrhetorik und entwickelte sie an Fernsehgesprächen und der Kommunikation in Internet-Foren weiter. Die Arbeit im Teilprojekt war zugleich eng verzahnt mit dem Projekt GAIS GesprächsAnalytisches InformationsSystem; ein Großteil der Analysen in GAIS arbeitet mit dem Korpus Gespräche im Fernsehen: Talkshows, Diskussionen, Interviews.

Das Teilprojekt "Formen der Kommunikationsregulierung im öffentlichen und halböffentlichen Diskurs am Beispiel von Fernsehgesprächen und interaktiven Medien im Internet" war Teil einer umfangreichen Untersuchung zum Thema "Kommunikative soziale Stilistik" im Beobachtungsbereich "Öffentlichkeit". In diesem Projekt ist öffentliche Kommunikation in zwei Hinsichten von Interesse: Der öffentliche Diskurs ist überwiegend medial vermittelt durch Druckmedien, Rundfunk und Fernsehen. Andererseits spiegeln sich alle anderen Dimensionen der sozialen Gliederung auch im öffentlichen Diskurs, einschließlich der Rolle der medialen Öffentlichkeit selbst. Privatheit ist interessant im Hinblick auf Gruppenprozesse wie Abgrenzung und Schutz bzw. Schutzverletzungen.

Das Projekt (Leitung: Prof. Dr. Werner Kallmeyer) war Bestandteil der Arbeit der Abteilung "Pragmatik", die sich mit dem sprachlichen Handeln und der sprachlichen Variabilität, d.h. der Ausprägung und Entwicklung von Sprachunterschieden befasst.

Publikationen:

Schütte, Wilfried (2000): Sprache und Kommunikationsformen in Newsgroups und Mailinglisten. In: Kallmeyer, Werner (Hg.), Sprache und neue Medien. Berlin / New York (Jahrbücher des Instituts für deutsche Sprache 1999). S. 142-178.

Schütte, Wilfried (2000): Sprachentwicklung und Kommunikationsformen in den interaktiven Diensten des Internet. In: Hoffmann, Hilmar (Hg.), Deutsch global. Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche Sprache. Köln. S. 77-95.

Schütte, Wilfried (2002): "Tussi-Talk" – neue Fernsehformate für Teens. In: Der Deutschunterricht 54, S. 62-81.

Schütte, Wilfried (2002): Normen und Leitvorstellungen im Internet. Wie Teilnehmer/-innen in Newsgroups und Mailinglisten den angemessenen Stil aushandeln. In: Keim, Inken / Schütte, Wilfried (Hg.), Soziale Welten und kommunikative Stile. Festschrift für Werner Kallmeyer zum 60. Geburtstag. Tübingen. S. 339-362.

Schütte, Wilfried (2004): Diskursstrukturen in fachlichen Mailinglisten: Zwischen Einwegkommunikation und Interaktion. In: Obst - Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 68, S. 55-75.

Weitere Informationen zum Projekt: