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Projekt "Multimodale Interaktion"

Teilprojekt: "Sprache und Raum"

Bearbeiter: Dr. Reinhold Schmitt, Serap Öndüc

Das übergeordnete Erkenntnisinteresse

Im Teilprojekt wird der Zusammenhang von funktionsräumlicher Umgebung und Sprachverhalten untersucht. Es geht um die Rekonstruktion der Bedeutung interaktionsvorgängiger Funktionsarchitektur für die Interaktionskonstitution und der Art und Weise, in der das Interaktionsverhalten der Beteiligten die räumliche Umgebung als sozialen Relevanzrahmen verdeutlicht. Dieses Erkenntnisinteresse wird in enger Kooperation mit Heiko Hausendorf und dem Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) Sprache und Raum der Universität Zürich verfolgt.

Vor allem Analysen zur Ressourcenqualität des Raumes haben deutlich gemacht, dass es nicht ausreicht, nur danach zu fragen, wie Interaktionsbeteiligte Aspekte des Raumes für Anforderungen der Interaktionskonstitution nutzen. Das ist die Frage, die mit dem Konzept "Interaktionsraum" im multimodal-konversationsanalytischen Zusammenhang eine Antwort gefunden hat. Was aber soll konkret mit der Ressourcenqualität des Raumes unabhängig von Interaktion gemeint sein? Dieser Frage muss nachgegangen werden, soll diese Perspektive nicht zur metaphorischen Beschreibung erstarren - und somit erkenntnishemmend wirken. Und wie sieht konkrete, situative Raumnutzung aus, für die Interaktion zwischen Beteiligten nicht unbedingt erforderlich ist?

Für die erste Frage wurde das Konzept "Interaktionsarchitektur" entwickelt, das den theoretischen Rahmen stiftet für die interaktionsunabhängige Angebotsstruktur (den Benutzbarkeitshinweisen nach Hausendorf/Kesselheim) von Räumen für Interaktion. Für die Analyse konkreter Formen der Raumnutzung wurde das Konzept "Sozialtopografie" entwickelt, das kultur- und wissensabhängige Kompetenzen der Raumnutzung im Sinne einer "Normalform" fokussiert. Diese beiden Konzepte spielen zusammen mit der Vorstellung "Interaktionsraum" als konzeptionelle Trias bei der theoretischen Rahmung der empirischen Raumanalysen eine zentrale Rolle.

Empirische Grundlagen

Empirische Grundlagen der fallanalytischen Arbeit sind primär zwei Korpora, die Interaktion in unterschiedlichen Funktionsräumen dokumentieren:

1.      Das Kirchenraum-Korpus:

Hierbei handelt es sich um Videoaufnahmen unterschiedlicher Formen der Kirchenraumnutzung.

  • In einer evangelischen Kirchengemeinde wurden traditionelle Gottesdienste und so genannte Alpha-Gottesdienste dokumentiert, eine moderne Form mit Musik, Diskussionen, Sketches und gemeinsamem Essen und Trinken.

Das linke Bild zeigt den traditionellen Kirchenraum, das rechte seine spezielle Herrichtung für den Alphagottesdienst.

  • Weiterhin gibt es Aufnahmen von Kirchenbesichtigungen aus touristischer Perspektive in unterschiedlichen Kirchen in der Provence, bei denen wahrnehmungsbegleitendes, exothetisches Sprechen als Erhebungsmethode eingesetzt wurde.

Das rechte Bild zeigt den Wahrnehmungsraum der Person, so wie er von seiner Action Cam dokumentiert wurde. Das linke Bild zeigt die Person zum gleichen Zeitpunkt in ihrer situativen Position und Positur im Kirchenraum.

2.      Das Bahnschalter-Korpus

Hierbei handelt es sich um Interaktionen von Kunden und Angestellten der Schweizer Bahn am Bahn- bzw. Ticketschalter.

Dieses Korpus wurde von den Teams von Lorenza Mondada und Heiko Hausendorf erhoben.

Die Analysen konzentrieren sich zunächst auf die Kirchenrauminteraktion, zu der weitere, systematische Erhebungen geplant sind. Sollte es - aus Kontrastierungsgründen punktuell nötig sein (etwa bei der Entwicklung eines raumanalytischen Konzeptes von "Positionierung") - kann auf weitere Korpora zurückgegriffen werden (unter anderem: Unterrichtskommunikation, Kommunikation am Filmset (Innen- und Außenaufnahmen), Umzüge venezianischer Masken und Kostümen, Spielsituationen im Kindergarten etc.).

Zentrale Forschungsfragen

Fragen, die auf dieser empirischen Grundlage beantwortet werden sollen, sind unter anderem:

  • Wie lässt sich das Verhältnis von Sprache und Raum interaktionstheoretisch adäquat fassen?
  • Welche analyseleitenden Konzepte sind für raumanalytische Erkenntnisinteresses notwendig?
  • Worin unterscheidet sich der Konstitutionsprozess von Aufnahmen, die von vornherein speziell für raumanalytische Erkenntnisinteressen konstituiert werden, von der Dokumentation gängiger Interaktionsdokumente?
  • Welche Formen von Sekundärdokumenten sind für raumanalytische Rekonstruktionen adäquat und wie verhalten sich diese (beispielsweise der "Frame-Comic") zu monomodal-verbalen und multimodalen Transkripten?
  • Was sind - neben der klassischen Transkriptanalyse - adäquate metzhodische Zugänge bei der Analyse des Verhältnisses von Sprache und Raum (beispielsweise "visuelle Erstanalyse" oder auch "rekurrente Mehrebenen-Analyse")?
  • Wie verändert sich die monomodal-verbale Fokussierung auf die Interaktionskonstitution, wenn man nicht mit der Analyse fokussierter Interaktion beginnt, sondern sich der Interaktion analytisch von der interaktionsarchitektonischen und sozialtopografischen Seite nähert?
  • Sind etablierte mono-modale Konzepte (beispielsweise "Positionierung") auch für raumanalytische Untersuchungen brauchbar und wie müssen sie - bezogen auf die faktische Komplexität von Interaktion modifiziert, überarbeitet oder gänzlich neu entworfen werden?

Wichtige Vorarbeiten:

Multimodale Interaktionsanalyse:

(Auszug; siehe vollständige Publikationsliste im alphabetischen Katalog)

Raumanalyse:

In Publikationsvorbereitung

In Publikationsvorbereitung befinden sich folgende Bücher/Aufsätze:

  • Schmitt, Reinhold / Dausendschön-Gay, Ulrich (erscheint 2015): Freiraum schaffen im Klassenzimmer: Fallbasierte methodologische Überlegungen zur Raumanalyse. Arbeitspapiere des UFSP Sprache und Raum (SpuR) Nr. 04, 100 Seiten. Zürich - September 2015 (http://www.spur.uzh.ch/research.html).
  • Hausendorf, Heiko / Kesselheim, Wolfgang / Schmitt, Reinhold (erscheint 2016) (Hg.): Interaktionsarchitektur, Sozialtopografie und Interaktionsraum. Tübingen: Narr.
  • Schmitt, Reinhold (erscheint 2016): Der "Frame-Comic" als Dokument der multimodalen Interaktionsanalyse. In: Hausendorf, Heiko / Kesselheim, Wolfgang / Schmitt, Reinhold (Hg.:): Interaktionsarchitektur, Sozialtopografie und Interaktionsraum. Tübingen: Narr.

Kontakt: Dr. Reinhold Schmitt, reinhold.schmitt (at) ids-mannheim.de