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Pragmatik

Projekt: "Kommunikative soziale Stilistik"

Teilprojekt: "Stilbildung bei jungen russlanddeutschen Aussiedlern"

Projektbearbeiter: Dr. Ulrich Reitemeier, Diplom-Soziologe

Fragestellung / Zielsetzung
Datengrundlage
Ergebnisse / Arbeitsstand
Anwendungsbezüge
Publikationen

Fragestellung / Zielsetzung

Kommunikative Stile und Stilbildungsprozesse in der Auseinandersetzung mit Migrationsfolgen und soziokulturellen Differenzen.

Datengrundlage

  • Gruppendiskussion mit russlanddeutschen Schülern einer Abiturklasse
  • Leserbriefe von einheimischen Eltern, Lehrern, Vertretern der Schulbehörde usw. sowie von Eltern einer ethno-konfessionellen Aussiedler-Gemeinschaft; ferner redaktionelle Berichte und Kommentare zur Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Gruppen (das Korpus besteht z. Zt. aus insgesamt 35 Texten)

Ergebnisse / Arbeitsstand

Stilbildung als Resultat kommunikativer Bearbeitung von Migrationsfolgen findet sowohl in Prozessen statt, die in Migrantengemeinschaften (insbesondere in peer groups) ablaufen, als auch in kommunikativen Außennetzwerken, in denen Ansässige wichtige Interaktionsgegenüber für Zuwanderer sind. Zu beiden Untersuchungsfeldern liegen Datenanalysen vor. Stilbildungsprozesse unter jungen russlanddeutschen Aussiedlern sind bestimmt durch mitgebrachte Russischkenntnisse, durch die stark veränderten Anforderungen an sprachliche Kompetenzen sowie durch Thematisierungen der erfahrenen biografischen Brüche. Analysen des Datenmaterials sind hier auf solche Stilbildungsprozesse gerichtet, die im Spannungsfeld nationaler Identitätskategorien (Russe, Deutscher) und der Identitätssuche jenseits nationaler Zugehörigkeitskonzeptionen anzusiedeln sind. In Diskurszusammenhängen, in denen Ansässige zu signifikanten anderen für Aussiedler werden, sind Stilbildungsprozesse geprägt durch Debatten über Wertesysteme und damit zusammenhängende Ein- und Ausschlussmechanismen. Die empirische Beschäftigung mit Diskursen zwischen Aussiedlern und Ansässigen fokussiert Stilbildungsprozesse und Stilmerkmale eines Ausgrenzungsdiskurses, der anlässlich einer schulpädagogischen Streitfrage ("Zwang zur Teilnahme an Klassenfahrten mit Übernachtung") geführt wird.

Aus vergleichenden Beobachtungen zu beiden Materialarten wurde das Konzept der "Positionierungshinweise" entwickelt. Darunter lassen sich sowohl solche Merkmale kommunikativer Stilistik fassen, die im Konfliktdiskurs zwischen Ansässigen und Zuwanderern auftauchen, als auch solche, die für Binnengemeinschaften von Aussiedlern prägend sind. In Positionierungshinweisen nehmen Akteure Bezug auf Werteorientierungen, die für ihre biografische Situation relevant sind. Desgleichen nehmen sie darin Stellung zu ihrem Migrantenstatus, entwickeln Orientierungen für den Umgang mit Marginalität und markieren Verarbeitungsmuster von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen. Schließlich realisieren sich in Positionierungshinweisen Strategien soziokultureller Selbst- und Fremdverortung und Formen sozialer Ein- und Ausschlüsse.

Anwendungsbezüge

Analysen zu den jeweiligen Kontexten der Migrationsverarbeitung (Junge Aussiedler unter sich; Eltern junger Aussiedler in einem kommunikativen Außennetzwerk) sind geeignet, Mechanismen besser zu verstehen, die diskursive Bearbeitungen soziokultureller Differenz erschweren bzw. erleichtern. Die Untersuchungsergebnisse sollen insbesondere in Berufsgruppen und Institutionen, die mit Integrationsarbeit befasst sind, vorgestellt werden.

Publikationen:

Reitemeier, Ulrich (Hg.) (2003): Sprachliche Integration von Aussiedlern im internationalen Vergleich. Mannheim (= Amades; Bd. 2/03).

Reitemeier, Ulrich (2003): Aussiedler und Einheimische - zu den Schwierigkeiten im Aufbau gemeinsamer kommunikativer Welten. In: Ders.: Sprachliche Integration von Aussiedlern im internationalen Vergleich. Mannheim (= Amades; Bd. 2/03). S. 59-79.

Reitemeier, Ulrich (2004): Russian-German Resettled Persons in Germany: Paradoxical Moments in Their Integration Process. Studia Slavica Finlandensia, Tomus XXI, Helsinki, S. 107-121.

Reitemeier, Ulrich (2005): Gute Gründe für schlechte Gesprächsverläufe - SozialarbeiterInnen in der Kommunikation mit Migranten. In: Santos-Stubbe, Chirly dos (Hg.): Interkulturelle Soziale Arbeit in Theorie und Praxis. Aachen: Shaker-Verlag. S. 83-104.

Weitere Informationen zum Projekt: