Abgeschlossene Projekte

Projektteam

Projektleitung

Gisela Zifonun

Mitarbeiter

  • Joachim Ballweg
  • Ursula Brauße
  • Eva Breindl
  • Ulrich Engel
  • Helmut Frosch
  • Ursula Hoberg
  • Ludger Hoffmann
  • Bruno Strecker
  • Klaus Vorderwülbecke

Abschlusspublikation

Grammatik der deutschen Sprache (GDS)


Ziele

Die wichtigsten Erwartungen an Grammatiken sind:

    (a) Grammatiken sollen auf maximale Extension des Gegenstandsbereichs zielen, sie sollen eine Einzelsprache deskriptiv vollständig in ihrer mündlichen und schriftlichen Ausprägung erfassen, möglicherweise noch in ihrer Aufgliederung in historische, regionale oder soziale Varietäten.

    (b) Grammatiken sollen theoretisch fundiert und homogen sein, sie sollen größtmögliche wissenschaftliche Aktualität bieten, auch in der Untersuchung der einzelnen Phänomene.

    (c) Grammatiken sollen die Teilbereiche des sprachlichen Systems wohlproportioniert behandeln und keine theoretisch nicht legitimierbaren Gewichtungen haben.

    (d) Grammatiken sollen universellen Fragestellungen zugänglich sein, d. h. die Besonderheiten der Sprache, wie sie für Typologie- und Universalienforschung relevant sind, hervortreten lassen und ein Begriffsnetz verwenden, das auch für andere Sprachen verwendet wird oder verwendbar ist.

    (e) Grammatiken sollen nicht normativ sein, sondern die Sprachwirklichkeit zum Gegenstand machen.

    (f) Grammatiken sollen Handbücher zur Problemlösung sein, d. h. eher Resultate als Lösungswege, Theorien- oder Alternativendiskussion präsentieren.

Der Versuch, diese Postulate zugleich umzusetzen, ist zum Scheitern verurteilt. Besonders schwierig ist es, die Postulate (a) und (b) verträglich zu halten.

Die Forschungslage ist durch die Konkurrenz von Theorien gekennzeichnet, deren Gegenstandsbereiche nicht deckungsgleich sind, die nur Teilbereiche der Sprache erfassen und die unterschiedlich ausgearbeitet sind. Bestimmte Phänomene sind jeweils mit den eingeführten Mitteln nicht handhabbar (etwa WortgruppenPhrasen in der klassischen Dependenzgrammatik).

Es ergibt sich das 'Vollständigkeitsparadox':

  • Deskriptive Vollständigkeit gemäß (a) und theoretische Fundiertheit gemäß (b) schließen sich (derzeit) aus: Vollständigkeit geht auf Kosten theoretischer Konsistenz und umgekehrt.

Strenggenommen setzt 'Vollständigkeit' einen Standpunkt voraus, von dem aus das gesamte System einer Einzelsprache mit seinen Verknüpfungen und Verzweigungen sichtbar ist. Davon kann allerdings nicht die Rede sein. Gemeint ist eher, was der Kanon der Tradition vorgibt - der aber ist gerade diskussionsbedürftig.

Wie utopisch das Vollständigkeitspostulats ist, zeigt sich, wenn man betrachtet, welche Varietäten des Deutschen bislang grammatisch-systematisch wirklich erfaßt ist. Gegenüber Paul 1916 ff. und Behaghel 1923 ff. sind die neueren Grammatiken stark reduziert, nicht nur um den historischen Teil, sondern auch in der Morphosyntax und bei Phänomenen des Diskurses (etwa Anakoluth, Ellipse usw.). Der Gegenstandsbereich wurde auf geschriebene und literarische Sprache verkürzt, ganz im Gegensatz zu akzeptierten sprachtheoretischen Postulaten.

Eine wissenschaftliche Grammatik wird eher den Anspruch auf Vollständigkeit als den auf theoretische Fundierung abschwächen und sich auf das konzentrieren, was sie mit ihren Mitteln erklären kann, so daß es zu fragmentarischen Lösungen kommt.

Eine Referenzgrammatik wird verschiedene theoretische Ansätze nebeneinander zulassen ('pluralistische Grammatik') oder gar mischen ('Mischgrammatik'), aber keine größeren Lücken lassen. Eine didaktische Grammatik ist schon vollständig, wenn sie den Sprachauschnitt bringt, der Lern- oder Reflexionsprozessen zugrunde zu legen ist.

Man kann hier nur dezisionistisch verfahren: mit einem Kompromiß, derseinen Preis hat, aber den Adressaten möglichst gerecht wird. Abstrakte Aussagen über Vollständigkeit sind so wenig zu treffen wie solche über die theoretische Reichweite.

Postulat (b) kann also prinzipiell nicht voll eingelöst werden. Vielmehr gilt das 'Hase-Igel-Paradox':

  • Wie fundiert die Systematisierung sprachlicher Phänomene in einer Grammatik auch sein mag - sie fällt notwendig hinter den sich entwickelnden Forschungsstand zurück, weil die konzeptionellen Grundentscheidungen in der Ausarbeitung nicht mehr revidierbar sind und damit die Zugriffsweise auf Einzelphänomene präjudiziert ist.

Im Blick auf (b) kann auch das Verhältnis zwischen zu fordernder Verständlichkeit für die Adressaten und sachangemessener Präzision der Darstellung problematisch werden. Wir formulieren das 'Präzisierungsdilemma' so:

  • Ein Mehr an Präzision bedingt auch ein gewisses Mehr an Unverständlichkeit.

Das ist für wissenschaftliche Arbeiten eigentlich selbstverständlich: so kann man die moderne Quantenlogik nur präzise und dabei auch für Kenner schwer verständlich oder weniger präzise und dafür leichter nachvollziehbar beschreiben. Wer über Sprache schreibt, wird sich - entgegen einem verbreiteten Vorurteil - nicht jedem verständlich machen können, der diese Sprache beherrscht.

Das Ausgewogenheitspostulat (c) verweist auf eine Grammatiktradition, für die die theoretische Fundierung noch weniger streng und der Aufbau kanonisch vorgegeben ist:

    A. Lautlehre: Phoneminventar (evtl. Intonation und Schreibung);

    B. Wortlehre: Wortarten, Wortbildung;

    C. Satzlehre: Satzarten, einfacher Satz, komplexer Satz, Wortstellung.

Tatsächlich fehlen aber nicht nur ganze Bereiche (etwa die Lautlehre und die Orthographie) in den meisten neueren Grammatiken, auch die Gewichtung ist faktisch sehr unterschiedlich (so kann das Passiv zwischen 4 (Jung 1980, 6.Aufl.) und 27 Seiten (Helbig/Buscha 1991, 13.Aufl.) beanspruchen).

Abstrakt könnte man Ausgewogenheit davon abhängig machen, ob der Umfang der Darstellung dem systematischen Gewicht, der Frequenz des Phänomens, der Relevanz für die Adressaten oder dem Kenntnisstand der Wissenschaft entspricht.

Den Stellenwert im System können wir auch auf der Basis theoretischer Vorannahmen nur grob einschätzen: meist erhalten dann die Konstituenten des Propositionsausdrucks (Prädikatsausdruck, Argumentausdruck, Modifikator) das größte Gewicht, nicht einfach satzsemantisch Verrechenbares wie Partikeln, Interjektionen oder nicht-assertorische Modi geraten an die Peripherie. Dies gilt machmal auch für Phänomene wie Koordination und Parenthese sowie Teile des Attributbereichs, die als 'Grammatik zweiter Stufe' verkürzte Behandlung finden.

Die Frequenz eines Phänomens ist nicht unabhängig von seinem systematischen Stellenwert. Untersuchungen, auf die eine Einschätzung zu stützen wäre, fehlen allerdings.

Eine den Adressaten angemessene Gewichtung spielt in Grammatiken für Lerner eine Rolle, aber ebenfalls auf der Basis unsicherer Annahmen; eine Klärung würde auch hier eine differenzierte Empirie voraussetzen, die es bislang nicht gibt. Sie dürfte zu sehr unterschiedlich proportionierten Grammatiken führen.

Faktisch ist es meist der wissenschaftliche (oder individuelle) Kenntnisstand oder der Stand in einem theoretischen Rahmen, der festlegt, was und wieviel zu einem Phänomen zu sagen ist. Daneben sind Ausgewogenheitsvorstellungen einer Grammatiktradition geschuldet, deren theoretische Grundlagen wir allererst zu diskutieren hätten. Feste Proportionen gibt es nicht.

Universalistische Orientierungen - wie mit (d) postuliert - sind wünschenswert. Die deutschen Grammatiken sind darauf - gemessen am internationalen Standard - noch zu wenig eingerichtet. Zu beachten ist, daß einerseits die Einzelsprachen - nicht nur die westgermanischen - ihr Recht bekommen, andererseits die Vergleichbarkeit durch vorgegebene Fragestellungen gesichert wird. Nur Vorgaben führen dazu, daß man sieht, wo Lücken im System sind und nicht bloß in der Darstellung und wo die Eigenarten liegen. Hauptproblem ist einerseits die Gefahr zu starker theoretischer Vorgaben, gemessen an der Einzelsprache - wenngleich sie die jeweilige grammatische Systematisierung gerade erst interessant machen. Andererseits können die theoretischen Vorgaben viel zu schwach gehalten werden, um wissenschaftlich interessant zu sein.

Es kann ein Konflikt zwischen (d) und (a,b) eintreten, wir sprechen vom 'Universalitätsparadox':

  • Universalistische Orientierungen erfordern ein eher induktives Vorgehen mit theoretisch weniger starken Festlegungen, sonst kann es zu der Einzelsprache unangemessenen und die 'Vollständigkeit' tangierenden Systematisierungen kommen. Eine Vergleichbarkeit setzt aber vorgängige Festlegungen von Untersuchungsbereichen und Kategorien gerade voraus.

In der Frage der Normativität (e) ist der Konsens unter Linguisten am größten: kaum jemand möchte noch den Sprachgebrauch regeln, zumal es ja keine offizielle grammatische Normung gibt; alle beanspruchen eine deskriptive Orientierung. Allenfalls verdeckt - unter dem Stichwort 'Förderung der Sprachkultur' - findet man noch solche Regeln. Auch pädagogische Grammatiken erteilen allenfalls noch - mehr oder minder geschickt - Ratschläge für angemessenes Formulieren.

Dem Problem impliziter Normierung kann allerdings auch eine wissenschaftliche Grammatik nicht entgehen, die authentische Belege präsentiert, selbst wenn die Belege vielfach von hochgeschätzten Schriftstellern stammen. Wir sprechen vom 'Normativitätsdilemma':

  • Jeder in einer Grammatik kodifizierte Sprachgebrauch kann zur Norm erhoben werden, auch wenn die Autoren reine Deskription reklamieren.

Der Nimbus der Textart führt einfach dazu, daß manche die vorgeführten Sprachausschnitte als vorbildlich betrachten. Nur differenzierte Argumentation und Beurteilung im Text selbst könnte dies verhindern. Das Problem der Normativität ist jedenfalls nicht in Richtung auf eine 'reine Deskription' lösbar, schon gar nicht durch die üblichen Postulate. Solange wir nicht mehr über die Grundlagen grammatischer Normierung wissen (hier ist ein Desiderat der Empirie), bleibt nur, die eigenen Annahmen und das eigene Sprachwissen explizit zu machen und authentisches Material vorzustellen, das dann im Einzelfall auch im Blick auf Abweichung von Standards hin analysiert wird. Vordergründige Deskriptivität ist am Ende so wenig hilfreich wie vordergründige Normierung.

Postulat (f) entspricht dem Faktum, daß Grammatiken eher benutzt als gelesen werden. Wobei sie - anders als Wörterbücher - darauf meist nicht zugeschnitten sind. Leider weiß niemand genau, wozu sie von Nicht-Linguisten genutzt werden. Auskünfte über Problemfälle des Formulierens und Verstehens sind aus Grammatiken jedenfalls nicht leicht zu gewinnen. So können (f) und (b) in Widerspruch zueinander geraten ('Leser-Benutzer-Konflikt'):

  • Um ein tieferes Verständnis der sprachlichen Systematik zu bekommen und den theoretischen Erklärungsanspruch nachvollziehen zu können, müssen Grammatiken wenigstens zu großen Teilen gelesen werden; tatsächlich werden sie üblicherweise als Nachschlagewerke verstanden und benutzt.

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