Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945

Am 1. April 2018 beginnen wir im Arbeitsbereich ‚Sprachliche Umbrüche des 20. Jahrhunderts‘ mit einem Projekt, bei dem der Sprachgebrauch in den Jahren 1933 bis 1945 untersucht wird.

Das von der DFG für drei Jahre geförderte Projekt ist als akteursbezogene Diskursanalyse angelegt.

Nationalsozialismus als Gegenstand linguistischer Forschung ist in einer Vielzahl von Einzelaspekten und auch hinsichtlich unterschiedlicher methodischer Zugänge (lexikalisch-semantisch, pragmatisch, diskursbezogen, rhetorisch) beschrieben. In den Sprachgeschichten kommt er als mehr oder weniger umfassendes Kapitel vor, in dem insbesondere die lexikalischen Bestände Gegenstand der Beschreibung sind. Problematisiert ist die Perspektive der Sprachbenutzer, die zu der Unterscheidung zwischen Sprache des NS (die Funktions- und Organisationssprache der Nationalsozialisten seit den 1920er Jahren) und Sprache im NS („NSDAP-Sprache plus verschiedene Traditionen politischer Sprache, die 1933 bis 1945 im Deutschen Reich wirksam waren.“ [von Polenz 1999, 547]) geführt hat.

Es fehlt eine akteursbezogene Gesamtdarstellung der Jahre 1933 bis 1945 im diskursiven Zusammenhang. Akteure sind alle an einem Diskurs einzeln oder kollektiv Beteiligte, die dessen Struktur bestimmen. Sie bilden komplexe, von ihrer jeweiligen Position im Diskurs abhängige Akteurskonstellationen mit je zu unterscheidenden Akteurspositionen. Unter der Voraussetzung, dass die kommunikative Konstellation der Jahre 1933 bis 1945 durch ein Gefüge von Handlungen unterschiedlicher Akteure geprägt war, fehlt mithin eine akteursgebundene Beschreibung der Sprache zur Zeit des NS, die berücksichtigt, dass die Kommunikationsgemeinschaft der Jahre 1933 bis 1945 aus heterogenen Teil-Gemeinschaften und -Kollektiven mit unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungshorizonten besteht und einem je spezifischen Selbstverständnis, mit dem sie (sprachlich) agieren.

Unter der Voraussetzung, dass die Diktatur des NS zwar die alleinige Diskursbedingung, die ihm zugehörigen Sprecher aber nicht die alleinige Diskurs- und Sprachgemeinschaft bildeten, werden Akteure nach den Grundperspektiven ‚NS-Apparat‘, ‚Integrierte Gesellschaft‘ und ‚Ausgeschlossene‘ unterschieden. Diskurse der Jahre 1933 bis 1945 werden entsprechend empirisch fundiert, sozialgeschichtlich differenziert und mit diskursanalytisch-linguistischer Perspektive sprachgeschichtlich rekonstruiert und dargestellt.

Insbesondere orientiert sich die Analyse an dem sprachlich repräsentierten zentralen Handlungsmuster der Inklusion / Exklusion, dem das Wollen und Sollen der handelnden Akteure zugrunde liegt, das Sprache und Handeln sowohl der Akteure des NS-Apparats, als auch derjenigen der integrierten Gesellschaft, als auch der Ausgeschlossenen prägt und insbesondere auf der semantisch-konzeptuellen Ebene der Selbst- / Fremdkonstituierungen, der Raum- und der Zeitkonzepte von hoher Evidenz ist.

 

Aktuelles

 Am 1. Juni 2018 ist Beginn des von der DFG für eine Laufzeit von drei Jahren geforderten Projekts „Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945“.

 

Tagungen und Workshops

14.-15. November 2019Viertes Arbeitstreffen des Kooperationsprojektes "Sprachgeschichte 1933 bis 1945" in Mannheim.
25. Juli 2019

Das Forschungsprojekt „Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945“ lädt gemeinsam mit dem Kooperationspartner MARCHIVUM, Mannheim, zu dem Workshop „Ein Jahr Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945“ ins MARCHIVUM ein.

16.-18. Mai 2019Drittes Arbeitstreffen des Kooperationsprojektes "Sprachgeschichte 1933 bis 1945" in Paderborn.
07.-08. Juni 2018Zweites Arbeitstreffen des Kooperationsprojektes "Sprachgeschichte 1933 bis 1945" in Paderborn.
24.-25. Mai 2018Erstes Arbeitstreffen des Kooperationsprojektes "Sprachgeschichte 1933 bis 1945" in Mannheim.

 

 

Vorträge

Scholl, Stefan/ Dang-Anh, Mark (Bremen, 13. Dezember 2019):
"Digitale Diskursforschung: Zur Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Untersuchung des Sprachgebrauchs während der NS-Zeit"; Vortrag auf dem Workshop 'Zeugnisse des Nationalsozialismus, digital – Projekte, Methoden, Theorien'.
Kämper, Heidrun/ Dang-Anh, Mark/ Scholl, Stefan (Heidelberg, 19. November 2019):
"Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945. Konzeptvorstellung und Beispielanalysen"; Vortrag im Europäischen Zentrum für Sprachwissenschaften.
Dang-Anh, Mark (Mannheim, 15. November 2019):
"Das Konzept Lebensraum im NS. Methodische Zugänge des Projekts Sprachliche Sozialgeschichte 1933 – 1945"; Vortrag auf dem Workshop "Koloniale und Postkoloniale Lexik. Lexikalische Untersuchungen zum Zusammenhang von Sprache und Kolonialismus".
Kämper, Heidrun (Mannheim, 25. Juli 2019):
„Das Projekt ‚Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945‘“; Vortrag auf dem Workshop „Ein Jahr ‚Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945‘“.
Dang-Anh, Mark (Mannheim, 25. Juli 2019):
„Dokumente des Verhörens, Abhörens, Befragens. Ein sprachwissenschaftlicher Werkstattbericht zur Erhebung von Protokollen zur Überwachung deutscher Kriegsgefangener in allierten Vernehmungslagern"; Vortrag auf dem Workshop „Ein Jahr ‚Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945‘“.
Scholl, Stefan (Mannheim, 25. Juli 2019):
„Beschwerde- und Bittschreiben aus der Mannheimer Bevölkerung an Behörden und Parteiinstanzen“; Vortrag auf dem Workshop „Ein Jahr ‚Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945‘“.
Wibel, Adelheid (Mannheim, 25. Juli 2019):
„Ehe zwischen Front und Heimat - Feldpostbriefe von Ernst und Irene Guicking"; Vortrag auf dem Workshop „Ein Jahr ‚Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945‘“.
Kämper, Heidrun (Stuttgart, 19. Juli 2019):
„Sprache des Rechtspopulismus"; Vortrag im Rahmen der Fachtagung
„Populismus“ der Landeszentrale für politische Bildung.
Kämper, Heidrun (Bremen, 11. Juli 2019):
„Alltagsdissidenz 1933 bis 1945"; Ringvorlesung im Rahmen der Reihe „Über Widersprüche sprechen“.
Kämper, Heidrun (Mailand, 13./14. Juni 2019):
„Demokratie und Menschenrechte. Zur sprachlichen Institutionalisierung von Ethik 1919 und 1949"; Vortrag im Rahmen der Tagung „Deutschland zwischen europäischer Integration und Souveränismus. Die Herausforderungen des (deutschen) Konstitutionalismus 100 Jahre nach der Weimarer Verfassung und seit 70 Jahren Grundgesetz“.
Scholl, Stefan (Mannheim, 23. Mai 2019):
"Ein-Schreibung. Alltagssprachliche Kollusion in Beschwerde- und Bittschreiben während des Nationalsozialismus"; Forschungskolloquium des Lehrstuhls für Zeitgeschichte (Uni Mannheim).
Dang-Anh, Mark (Wien, 06. Mai 2019):
"Kleine Worte, große Geheimnisse? Zur Erforschung von Alltagssprache im Nationalsozialismus in Briefen, Tagebüchern und Abhörprotokollen"; Vortrag bei der Wiener Sprachgesellschaft, Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien.
Kämper, Heidrun (Zürich, 30. April 2019):
„Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945. Kulturlinguistische Zugänge am Beispiel"; Universität Zürich/Angelika Linke.
Dang-Anh, Mark/Scholl, Stefan (Mannheim, 16. November 2018):
„Die alltagssprachliche Hervorbringung von Moral zur Zeit des Nationalsozialismus"; 8. Jahrestagung des Tagungsnetzwerks „Diskurs – interdisziplinär“: „Diskurs – ethisch“, Leinbniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim.

 

 

Neu erschienen...

Kämper, Heidrun (2019):
Kulturlinguistik und sprachliche Sozialgeschichte. Überlegungen zur
Operationalisierung. In: Schröter, Juliane/Tienken, Susanne/Ilg,
Yvonne/Scharloth, Joachim/Bubenhofer, Noah (Hrsg.): Linguistische
Kulturanalyse
. (= Reihe Germanistische Linguistik 314). Berlin/Boston: de Gruyter, 2019. S. 371-392.
Kämper, Heidrun (2019):
Sprachgebrauch im Nationalsozialismus. Unter Mitarbeit von Adelheid Wibel. (= Literaturhinweise zur Linguistik (LIZULI) 9). Heidelberg. Winter, 2019.
Kämper, Heidrun/Schuster, Britt-Marie (Hrsg.) (2018):
Sprachliche Sozialgeschichte des Nationalsozialismus. (= Sprache - Politik - Gesellschaft 24). Bremen: Hempen, 2018.
Kämper, Heidrun/Schuster, Britt-Marie (2018):
Einleitung. In: Kämper, Heidrun/Schuster, Britt-Marie (Hrsg.): Sprachliche Sozialgeschichte des Nationalsozialismus. (= Sprache - Politik - Gesellschaft 24). Bremen: Hempen, 2018. S. 1-7.
Kämper, Heidrun (2018):
Sprachliche Sozialgeschichte 1933 bis 1945 - ein Projektkonzept. In: Kämper, Heidrun/Schuster, Britt-Marie (Hrsg.): Sprachliche Sozialgeschichte des Nationalsozialismus. (= Sprache - Politik - Gesellschaft 24). Bremen: Hempen, 2018. S. 9-25.